Auf in die zweite Runde!

In zwölf Stunden arbeite ich schon als Angestellte des REWE-Konzerns, genauer gesagt bei der MERKUR-Filiale in Eisenstadt, Mattersburgerstraße. Schon alle Bewerbungsunterlagen für diesen Job zu bringen, barg einiges Neues. Bislang brauchte ich z.B. noch bei keiner anderen Anstellung einen Auszug aus dem Strafregister, aber dafür weiß ich jetzt, dass so etwas € 16,50 kostet, wenn es für einen konkreten Dienstgeber gebraucht wird. Die Liste der Versicherungszeiten, die ich bei der SVA ausgedruckt bekommen habe, dient zur Berechnung meines Gehalts, das € 1.450 brutto für den 38,5-Stunden-Job ausmacht. Aber die Finanzen sind heute zweitrangig. Im Vordergrund steht meine Neugier und Freude auf die neue Aufgabe und auf die neuen ArbeitskollegInnen und wie sie mir begegnen werden.

Bei meinen letzten Einkäufen war es schon etwas kribbelig. Da stelle ich mich an der Kassa an und weiß, bald sitze ich auf der anderen Seite des Bandes. Da suche ich nach dem leckersten Weckerl für meine Tochter und denke daran, dass ich in Kürze lernen werde, wie der Backofen hier zu bedienen ist. Da suche ich etwas in einem Regal und mir schießt es durch den Kopf: „Hiiiiilfe, bald werde ich gefragt, wo was zu finden ist!“ In so einem Job habe ich noch überhaupt keine Erfahrung, ich bin ein absolutes green(!)horn. Aber genau das ist es, warum ich mich für dieses Lehrjahr entschieden habe: Ich will die Perpektive wechseln, will die Alltagsabläufe einer Konsumentin von der anderen Seite aus erleben, will wissen, wie sich so ein Arbeitsrhythmus anfühlt und wie ich damit in Kombination mit Familie und ehrenamtlichen Tätigkeiten zurecht komme – und hoffe, dass die anderen mit mir zurecht kommen. Spannend wird das.

Für die, die in meiner ersten Woche einmal vorbeischauen wollen, ist hier mein aktueller Dienstplan:

DI 01.04.2014    09.00 – 15.00 Uhr
MI 02.04.2014   06.00 – 14.00 Uhr – FEINKOST
D0 03.04.2014  15.00 – 19.00 Uhr
FR 04.04.2014    08.00 – 17.30 Uhr – MILCH
SA 05.04.2014    06.00 – 13.00 Uhr (eventuell länger)

Ich bitte zu bedenken, dass ich nicht zum Plaudern angestellt bin, sondern zum Hackln. Und das ist es auch, was ich dort tun will. Alles andere nach Dienstschluss.

Wenn das Straßennetz wichtiger ist als das soziale Netz

Die erste Station meines „Lehrjahres“ endet mit einer bitteren Bestätigung einer langjährigen Beobachtung: Der Sozialdemokratie im Burgenland ist das Straßennetz wichtiger als das soziale Netz. Während der für den
Straßenbau zustände (SP-) Landesrat stolz verkündet, dass wieder zig- Millionen für das Straßennetz ausgegeben werden, interessiert sich der für Soziales zuständige (SP-) Landesrat für die Sozialarbeit herzlich wenig und wenig herzlich. Das zeigt sich in vielerlei Hinsicht, in diesem Monat war ich persönlich vor allem mit zwei Aspekten konfrontiert: Die geringe Wertschätzung des Landes gegenüber sozialer Arbeit zeigt sich schon durch die magere Besetzung der Jugendämter und Sozialabteilungen. Persönliche Gespräche zeigen immer wieder dasselbe auf: Die Rahmenbedingungen sind katastrophal, die Bediensteten in den Bezirken klagen über zu wenige MitarbeiterInnen und die SozialarbeiterInnen betreuen ihre KlientInnen nicht so intensiv und qualitätsvoll, wie sie es aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Berufsauffassung eigentlich könnten.(Und schon während sie mir das erzählen, haben sie Angst, dass sie Schwierigkeiten bekommen könnten, weil sie so etwas „ausplaudern“. Hier wird deutlich, in welchem Unterdrückungssystem hier gearbeitet werden muss. Diese Art der – parteipolitischen – Machtausübung macht mich zunehmend wütend.)
Sozial nachhaltig arbeiten geht sich mit diesen Rahmenbedingungen einfach nicht aus! Das ärgert mich auch deshalb so sehr, weil es nicht nur für die betroffenen Familien schlimm ist, sondern weil eine daraus resultierende Fremdunterbringung der Kinder und Jugendlichen für die öffentliche Hand in der Folge wesentlich höhere Kosten verursacht.
Natürlich gibt es auch hier wie in jedem Berufsfeld mehr und weniger Engagierte, mehr und weniger Qualifizierte. Aber eines zieht sich durch – und das ist keine Frage der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel:
Die übergeordneten Stellen interessieren sich gar nicht für den Arbeitsalltag der Angestellten, mit seinen Sorgen und Belastungen. Wertschätzung fehlt also auch gegenüber jenen, die Sozialarbeit im Auftrag des Landes machen, deren größtes Kapital in der Arbeit vor Ort aber die Wertschätzung in der Beziehung zu ihren KlientInnen ist. Wie soll sich das auf die Dauer ausgehen? Wen wundert’s, dass Stellen unbesetzt bleiben, weil unter diesen Bedingungen keineR mehr auf einem Jugendamt im Burgenland arbeiten will?

Wegschauen ist im Sozialreferat auch die Devise, wenn es um Obdachlosigkeit geht. Ich habe in den vergangenen Wochen Einblick in die Arbeit des Vereins „Freiraum Pannonia“ bekommen, der seit einigen Jahren versucht, Obdachlosen wenigstens eine Notschlafstelle zu bieten.  Das freut auch die Behörden, die zwar regelmäßig Menschen zur Notschlafstelle schicken, das aber finanziell nicht abdecken. Die Obdachlosen schickt man einfach weiter und dann werden Amtstür und Augen verschlossen. Realitätsverweigerung wird zum politischen Handlungsinstrument. Wer offiziell nachfragt, bekommt die Antwort, dass eh alles in Ordnung sei. Aber nichts in Ordnung. So ein Verein, der nur aus Ehrenamtlichen mit großem Herz besteht, kann auf die Dauer keine Obdachlosenarbeit machen. Da muss hoch professionell gearbeitet werden. Da sind sozialarbeiterische Fähigkeiten und Kenntnisse erforderlich. Da braucht es ein klares Management und Rechtssicherheit gegenüber Behörden.  Hier müssen Fachkräfte arbeiten, die eine Ausbildung dafür haben, wie im Umgang mit KlientInnen persönliche Nähe und professionelle Distanz gleichzeitig gewahrt werden können.

Der Verein Freiraum Pannonia hat nicht nur an den Betroffenen, sondern für die Burgenländische Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen: Er hat aufgezeigt, dass es Obdachlose gibt und dass diese von Nah und Fern kommen. Gerade dadurch, dass er an seine Grenzen stößt,  macht er deutlich, dass es im Burgenland eine gut durchdachte, übergemeindlich organisierte und vom Land finanzierte Obdachlosen-Sozialarbeit geben muss. Damit ist so ein Verein auf die Dauer überfordert. Da muss es zu Unstimmigkeiten und Konflikten kommen. Da muss die Politik handeln, zum Beispiel durch Einsetzung einer Task-force „Obdachlosikgkeit“, die mit ExpertInnen, in der Sache Erfahrenen, kommunalpolitisch Zuständigen und Betroffenen besetzt ist. Jetzt. Damit es vor dem kommenden Winter eine Lösung gibt. Es ist nämlich verdammt kalt, wenn man dann kein Dach über und keinen Polster unter dem Kopf hat. Da nützt einem das beste Straßennetz nichts.

Perspektivenwechsel beim Kochen

Heute habe ich in der Pannonsichen Tafel gekocht. Und ich war vorher einigermaßen nervös, denn ich kochte in einer Küche, die nicht meine war mit Zutaten, die ich vorher nicht kannte für eine unbestimmte Anzahl von Menschen. Mit meiner Kochpartnerin war es auch eine Premiere, aber das machte mir überhaupt keine Sorgen. Wir zwei würden sicher unseren Spaß haben.  Um es kurz zu machen: Es ist ein bekömmlicher Gemüseeintopf mit Couscous und Penne und ein veganer Zitronenkuchen geworden und Inge Posch-Gruska und ich haben sich als erfolgreiches Kochteam erwiesen.

Da es in meinem „Lehrjahr“ aber nicht um meine Fortschritte bei Küchenkünsten geht, will ich auf eine andere Erfahrung des heutigen Tages eingehen. Die Nahrungsaufnahme orientierte sich nämlich nicht an einem aktuellen Gusto (vgl.  http://de.wikipedia.org/wiki/Gusto), wie wir es sonst gewohnt sind, sondern an den aktuell vorhandenen Ressourcen. Zuerst wird geschaut, was da ist, dann wird entschieden, was daraus gekocht wird. Und ich denke daran, wie oft im Kühlschrank tagelang Sachen liegen bleiben und mitunter schlecht werden, weil gerade niemand in der Familie Lust darauf hat. Viele Menschen können sich derart luxuriösen Umgang mit Ressourcen nicht leisten. Das altmodische „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ mutiert zu „gekocht wird, was im Kühlschrank liegt“.

Und meine Gedanken leiten mich weiter: Wie anders würde unser Leben aussehen, wenn wir immer zuerst darauf schauten, welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen und dann erst entschieden, was wir damit machen.

Für viele Menschen ist das der Alltag. Da richtet sich das Kochen nicht nach Lust und Laune, sondern nach dem, was eben gerade vorhanden ist. Wer auf diese Weise gut über die Runden kommt, läuft sogar Gefahr, argwöhnisch (von NachbarInnen und Behörden) beobachtet zu werden. Aber wenn sie es nicht so machen, rutschen sie in eine Schuldenfalle. Dann wird gerne über diese Menschen geurteilt, dass sie selbst Schuld seien an ihrer schlechten Lage und dass sie den Wohlfahrtsstaat ausnützen würden und so weiter.  Aber diese Falle hat System, auch politisches. Es gibt riesige Märkte, die mit Ressourcen handeln, die eigentlich gar nicht vorhanden sind. Es gibt zum Beispiel Banken und deren Bosse, die Geld ausgeben, das sie nicht haben oder politisch Verantwortliche, die ein Wort geben, das sie nie wirklich hatten. Dafür kommen auch die SteuerzahlerInnen auf, aber in ganz anderen Dimensionen. Da ist mir ein Sozialsystem, das von einigen möglichweise missbraucht werden kann noch lieber, als ein Finanzsystem, indem der Missbrauch zur Routine geworden ist.

Und dann kommen mir wieder jene Menschen in den Sinn, die argwöhnisch betrachtet werden, weil sie es schaffen, mit den gerade noch vorhandenen Ressourcen – zum Beispiel aus einem Laden einer Tafel – auszukommen.  Da muss (s)ich was verändern.

Es gibt so Tage …

… da passiert dauernd was. Da ist ein Problem noch nicht gelöst und es wird schon das nächste gemeldet. Heute ist so ein Tag. Auf dem Heimweg von Meisterfrost in Sinnersdorf, wo wir eine Ladung voll Rotkrautknödel und Kartons voll Kuchen bekommen haben, kommt die Katastrophenmeldung: Der Transporter der Tafel, der im Nordburgenland eingesetzt wird, hat einen Motorschaden. Die Reparatur dürfte unerschwinglich sein. Also muss sofort ein Krisenplan her, und so mache ich etwas, das ich noch nie in meinem Leben getan habe: ich gehe um ein Auto schnorren.  Wir klappern die Autohändler in Eisenstadt ab und fragen jeden, ob er zufälligerweise einen kleinen Lieferwagen oder einen alten Kleinbus bei den Gebrauchtwagen stehen hat. Einen, der gerade nicht unbedingt gebraucht wird und dem Verein zur Vefügung gestellt werden könnte, bis wir eine langfristige Lösung gefunden haben. Für die Pannonische Tafel und die von ihr betreuten Menschen könnte er die Versorgung mit Lebensmitteln in den nächsten Tagen sichern. Insgeheim hoffe ich, dass da vielleicht sogar so ein armer Wagen herumsteht, den eh keiner mehr haben will.  Wir nehmen den doch gerne und kümmern uns auch ganz lieb um ihn. Dann wäre der Transport von Nahrungsmitteln sogar für ein paar Jahre gesichert. Mit den entsprechenden Werbeaufschriften könnte auch noch die Versicherung und ein Teil des Treibstoffs gesichert werden.  Die (Telefon-)Arbeit der nächsten Tagen wird wohl einen klaren Inhalt und ein eindeutig definiertes Ziel haben: Wir müssen die Finanzierung eines Transportwagens auf die Beine stellen.  Oder auf die Räder. Ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.

How to use the Wohnzimmer

Ich sollte jetzt gerade einen anderen Text schreiben, in einem Genre, das mir nicht geläufig ist. Die Aufgabe des Abends wäre es, eine Gebrauchsanleitung zu verfassen. In meiner ersten Woche in der Pannonischen Tafel ist mir nämlich aufgefallen, dass die besten Sozial- und Begegnungsinitiativen nicht greifen können, wenn nur eine kleine Minderheit sie anzuwenden versteht. Aktuell geht es um Folgendes: Das lokale Herzstück der Pannonischen Tafel in Eisenstadt ist das sogenannte Wohnzimmer in der Neusiedlerstraße 1. Das ist eine ehemalige Lagerhalle, die mit viel Engagement und Liebe in ein gemütliches Zimmer mit Küche umgewandelt wurde. Hier kann man einfach miteinander plaudern, abends finden immer wieder (Kultur-)Veranstaltungen statt und wochentags gibt es täglich ein frisch gekochtes Mittagessen. Aus dem, was in der Früh von Supermärkten geholt wurde und dem, was gerade im Lagerraum zu finden ist, was also durch die Tafel  im Produktionsprozess bleibt und nicht frühzeitig vernichtet wird, wird ein mitunter dreigängiges Menü gezaubert. Für wen? Für alle, die es brauchen und für alle, die es genießen wollen:  Obdachlose, BeamtInnen, Angestellte, StraßensängerInnen, Jugendliche, Arbeitslose, Chefinnen und Zeitungsverkäufer. Im Wohnzimmer treffen einander Menschen, die in ihrem Leben da draußen wohl kaum etwas miteinander zu tun hätten. Die einen bekommen hier kostenlos ihre tägliche warme Mahlzeit, die anderen geben eine freiwillige Spende als Beitrag, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Personalkosten sind ja keine zu zahlen, weil hier alle ehrenamtlich arbeiten.

Das Problem ist nur: Für viele gut situierte BürgerInnen ist es schwer, den ersten Schritt ins Wohnzimmer zu tun. Wer weiß, was einen dort erwartet? Das Wohnhzimmer hat keine Empfangsdamen und keine konventionelle Etikette. Man holt sich sein Essen selbst, wird aber dann doch wieder bedient. Man muss nichts zahlen, sollte aber auf die Spende nicht vergessen. Und wo zum Kuckuck gebe ich meine Jacke hin? Ach ja, in der Nähe der Türe war ja eine schon üppig behängte Kleiderablage, aber die fällt ob der Faszination des Raumes, der auf einen wirkt, beim Eintreten kaum auf. Noch dazu, wo gleich nach der Eingangstür zunächst einmal der Altkarton-Stapel auf seine Entsorgung wartet. Wer sich bei seinem ersten Besuch so weit in das Ungewisse wagt, fragt sich sobald, wo man sich hier niedersetzt. An die lange Tafel, wo schon vereinzelt Menschen sitzen, die zum Teil miteinander sprechen, zum Teil allein vor sich hinlöffeln, oder an einen Tisch am Rand, auf dem aber vielleicht grad kein Wasserkrug steht?

Und so stellen sich Fragen um Fragen, ehe man noch dazukommt, sich darüber Gedanken zu machen, wen man fragt, wo das Besteck zu holen und die Spende zu hinterlassen sei. Ich finde es wirklich schade, wenn diese großartige Idee, seine Mittagpause in diesem multi-sozialen Raum zu verbringen, nicht so recht zu ihrer Umsetzung findet, weil beim Einstieg die Orientierung fehlt. Darum ist mein nächster Text die Gebrauchsanleitung für Neueinsteiger, damit auch sie wissen, wie das Wohnzimmer zu nutzen und zu genießen ist.

Für VeganerInnen ist das Wohnzimmer der Pannonischen Tafel übrigens die Nummer 1 in Eisenstadt. Aber – selbst ausprobieren ist die Devise. Und kochen werde ich dann auch mal hier.

An der Schnittstelle von Ehrenamt und Professionalität

Heute habe ich vor allem im Büro zu tun. Ein gemeinnütziger Verein wie die Pannonische Tafel muss immer wieder aufs Neue Spenden und SpenderInnen lukrieren. Ich helfe also, Mails zu formulieren, Kontakte herzustellen und Ideen zu entwickeln. Zugegeben, das ist jetzt nichts ganz Neues für mich. Eines wird für mich aber sehr deutlich – und das sollte ich mir für die Politik unbedingt merken: Vereine, die durch das intensive persönliche Engagement wachsen, wachsen nicht automatisch in der Professionalität ihrer Arbeit. Zu einem großen Teil schöpfen sie die Kraft für ihr gesellschaftlich so wichtiges Handeln eben aus einem unmittelbaren persönlichen Antrieb. Die Energie dieses Antriebs wird unter Umständen dadurch gebremst, dass auch von Ehrenamtlichen höchst professionelles Arbeiten und all das, was damit verbunden ist, erwartet wird. Menschen, die aus innerem Antrieb – nennen wir es z.B. Nächstenliebe oder Kampf gegen als unerträglich empfundene Ungerechtigkeiten – Großartiges für andere Menschen leisten, sind nicht unbedingt MeisterInnen der Behördenwege. Oder im Antrag-Formulieren. Oder im Verstehen von Verordnungen. Diese Menschen wollen einfach helfen und stoßen oft auf Unverständnis, wenn sie nicht verstehen, warum es auf der anderen Seite wichtig ist, dass sich z.B. BeamtInnen an vorgegebene Verfahrensweisen halten. Viele ehrenamtlich Tätige arbeiten in hohem Maß professionell, mitunter sogar professioneller als so manche/r, der oder die die gleiche Tätigkeit beruflich ausüben. Aber das ist wieder etwas anderes.
Mir ist heute klar geworden, dass ich mich mit dieser Schnittstelle von Ehrenamt und Professionalität noch eingehender auseinandersetzen möchte. Es müssen nämlich nicht nur Ehrenamtliche lernen, mit den Erfordernissen professionellen Arbeitens im öffentlichen Bereich umzugehen, wenn sie von eben jenem finanzielle Unterstützung brauchen. Es müssen auch Behörden und politisch Verantwortliche lernen, mit der Unmittelbarkeit aus persönlichen Lebenserfahrungen handelnden Menschen umzugehen, die in ihrem zivigesellschaftlichem Engagement mit den Regeln der Bürokratie in Konflikt geraten können.

Was die HAK-Matura und die Herberge miteinander zu tun haben

Heute hatte ich ein Gespräch mit zwei jungen Frauen, die mich in der Pannonischen Tafel besuchten. Marlene* und Cheyenne* stehen kurz vor der Matura in der HAK und haben ein Projekt zum Thema „Obdachlosigkeit“ ausgearbeitet. Niemand hat sie dazu aufgefordert, sich diesem Thema zu widmen. Sie hätten auch etwas nehmen können, das mehr „business-like“ wäre. Aber sie wollten sich mit den Obachlosen im Nordburgenland beschäftigen, mit jenen Obdachlosen, die es laut Soziallandesrat gar nicht gibt. Darum gibt es auch keine offiziellen Zahlen dazu. Darum muss es auch keinen entsprechenden Budegtposten im Sozialressort geben.
Diese beiden Jugendlichen imponieren mir, weil sie mutig und engagiert auf ein Problem hinweisen, das andere verleugnen; weil sie sich sogar dafür beurteilen lassen, wie sie sich damit beschäftigen. Sie haben aber auch meine Hochachtung dafür, dass sie sich mit ihren 18 Jahren in ein ungemütliches Zimmer setzen, um sich mit Interesse und Wertschätzung die Geschichten von zum Teil verwahrlosten, obdachlosen Menschen anzuhören. Sie tun das nicht, um danach aus ihrer bürgerlich-gesichterten und in Aussicht stehenden Studentinnenperspektive gesellschaftspolitische Analysen und durch ihre peer-group beklatschte politische Ansagen zu machen. Marlene und Cheyenne ist es nicht egal, wie es Menschen geht, die – durch welche Schicksalsschläge und Biografien auch immer – obdachlos geworden sind und auf welche Weise diese Hilfe bekommen können, damit es ihnen irgendwann einmal wieder besser geht. Solche Jugendliche machen mir echt Mut. Danke, ihr zwei – und alles Gute für Eure Projektpräsentation!

* Ich habe das Einverständnis der beiden jungen Frauen, ihre Namen in meinem Blog zu erwähnen.

Geballte Ladung heftiger Lebensgeschichten

Pannonische Tafel, nächster Tag. Soziale Arbeit mit der geballten Ladung heftiger Lebensgeschichten.  Die Halbwaise M. habe ich schon erwähnt. Ein freundlicher Bezirkschulinspektor und eine beherzte Direktorin machen es möglich, dass sie bereits ab morgen in die Vorschule in der Nähe des Arbeitsplatzes ihrer neuen Pflegemutter – außerhalb ihres eigentlichen Schulsprengels, den es für die Volksschulen noch immer gibt- gehen kann. Nach dem Besuch in der Volksschule geht es weiter in die NMS. M.s ältere Schwester freut sich unheimlich, als klar ist, dass auch sie ab morgen in die Schule gehen darf. Wir üben gleich gut gelaunt die wichtigstens Wörter auf Deutsch. Habe ich eigentlich schon jemals eine 13 -Jährige gesehen, die fröhlich klatschend herumhupft und ruft „skul, skul, skul!“?
Auch auf der VHS werden wir freundlich empfangen und die 17-Jährige Schwester kann unverzüglich in einen Deutschkurs einsteigen.

Etwas trister ist die Lage in der Obachlosenherberge. Der Strom ist gerade mal wieder abgeschaltet, weil dem Verein im Moment das Geld zum Bezahlen der Rechnungen fehlt. Da es laut zuständigem Soziallandesrat Peter Rezar im Burgenland kein Obdachlosenproblem gibt, sieht er es nicht in der Zuständigkeit der Landesregierung, verlässliche finanzielle Unterstützung zuzusagen.  Alles liegt in den Händen einzelner engagierter Einzelpersonen (zumindest in Eisenstadt; in Oberwart hat die Caritas ein Haus mit Obdachelosen-Schlafplätzen eröffnet). Man lebt von der Hand in den Mund und wird ziemlich allein gelassen. Natürlich werden sich da und dort HelferInnen finden, die bei einer Aktion Sperrmüll wegbringen, putzen und vielleicht sogar einen finanziellen Beitrag zum Abtransport leisten – die öffentliche Hand überlässt alles denen, die sich eh schon in ihrer Freizeit den Arsch aufreißen für die, für die sich sonst keiner mehr interessiert. Da muss sich auf politischer und struktureller Ebene etwas ändern. Das kommt auf die Liste, was es alles für mich in Zukunft zu tun gibt.

Darüber, welches Ausmaß an Professionalität für die Arbeit mit Obdachlosen nötig wäre, werde ich ein andermal schreiben. Dazu möchte ich auch noch mehr Einblick in den Alltag mit Obdachlosen bekommen.

An einer Arbeitsbesprechung habe ich heute auch teilgenommen – mit der Zwischendurchinformation über die Aufkündigung des  Mietvertrags eines Mitarbeiters, der in drei Monaten womöglich mit seiner Familie auf der Straße steht.

Und nun mache ich mich an das Abarbeiten der Arbeitsaufträge, die ich aus der Besprechung mitgenommen habe. Davon aber später.

Gedanken mit drei Pfannen im Auto

Gestern Nachmittag erwähnt Andrea, dass sie samstags noch eine Catering-Lieferung zu erledigen hätte. Es wäre ein Stress, weil gleichzeitig die Geburtstagsfeier eines Kindes im Wohnzimmer der Pannonischen Tafel wäre. Da bringe ich mich ins Spiel: „Das kann dann ich machen.“ Andrea ist gar nicht auf die Idee gekommen, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin für die Erfüllung dieser Aufgabe zu fragen, weil am Samstag Abend jede_r doch dem eigenem Privatleben nachgehen wolle.
So ist das eben mit den Ehrenamtlichen. Da gibt es keine geregelten Dienstzeiten, da ist man da, wenn man gebraucht wird.
Ehrenamtliche in den Vereinen und Organisationen, in den (Pfarr-)Gemeinden und in Hilfsorganisationen arbeiten nicht nur unentgeltlich, sie sind meist auch nicht pingelig, wenn es um persönlichen – auch finanziellen – Einsatz geht. Ehrenamtlichkeit ist nicht einfach arbeiten ohne Geld dafür zu bekommen, ist nicht einfach mal ein bisschen Freizeit zur Verfügung zu stellen. Ehrenamtlichkeit ist eine Haltung, eine Einstellung, sich selbstverständlicherweise für etwas einzusetzen, das einem wichtig ist. Ohne zu fragen, was man dafür bekommt.
Nun, ich bin zur Zeit in einer Lebenssituation, in der es keine großartige Geste ist, mal am Samstag Nachmittag eine Runde mit dem Auto zu drehen. Meine Kinder sind groß und kaum zu Hause, mein Freund hat Wochenenddienst, niemand wird mir vorwerfen, dass ich zu Hause fehle oder dass die Wäsche nicht gebügelt ist. (Letzteres stört eh bestenfalls mich selbst, und ich bin eigentlich froh, eine akzeptable Ausrede dafür zu haben, die öden Haushaltsarbeiten liegen gelassen zu haben. – Soweit zu einem nicht unwesentlichen persönlichen Benefit meiner ehrenamtlichen Arbeiten.) Meine echte Bewunderung haben jene Frauen und Männer, die nebst kleinen Kindern, Eltern, die darauf bestehen, das Sonntagsessen pünktlich um zwölf bei ihnen einzunehmen und einer Kiste voll Blumenzwiebel, die bei dem herrlichen Wetter eigentlich eingesetzt werden müssten mit einer Selbstverständlichkeit für andere unentgeltlich Kuchen backen, Brände löschen, Veranstaltungen organsieren oder Flüchtlinge betreuen.
All das geht mir durch den Kopf, als ich mit drei Pfannen voll Köstlichkeiten nach Schattendorf fahre. Dass ich erst lernen muss, wieviel Brennpaste in so einen Tiegel gehört, damit der Buchweizen-Gemüse-Auflauf im Wasserbehälter darüber auch warm bleibt und was ich mache, wenn das Ding einfach nicht brennen will, ist eine andere Geschichte …

Basics: Pannonische Tafel, erster Tag

Der Einstieg wäre geschafft. Bereits während der Pressekonferenz hatte ich den ersten Kunden im Laden zu bedienen. Was ist denn heute noch im Regal? Was wird sich mein Kunde wohl aussuchen? Es werden Schaumrollen, Brot, Sandwich, ein paar Orangen wegen der Vitamine. (Ich konnte es nicht lassen, diesen Vorschlag zu machen, da kommt wohl die versorgende Mutter zum Vorschein.) Da entdeckt er auch noch ein Glas Spargel. Welch eine interessante Kombination, man nimmt halt, was gerade da ist. Für einen „Einkauf“ muss man 2 Euro als „Tagesmitgliedschaft“ bezahlen. Das muss natürlich in das vorgesehene Kassabuch eingetragen werden. Hilfe! Was genau schreibe ich da hinein? Ich will mich ja nicht vor laufender Kamera blamieren. Andrea Roschek, die Leiterin, beruhigt mich, ich hätte alles richtig gemacht.
Beim Suppenessen lerne ich Zdenek kennen. Er ist aus der Slowakei und versucht, seine Familie über Wasser zu halten. Hier in Österreich hat er einen Onkel, der schwer krank ist und noch Geld braucht, um im Spital seinen Beitrag zum Aufenthalt zu bezahlen. Zdenek hat Arbeit in Wien in Aussicht, braucht dafür aber noch eine Arbeitsgenehmigung. Wir überlegen, wie wir ihn unterstützen können.
Ich lerne auch die siebenjährige Miruna aus Rumänien kennen. Ihre Mutter war Pflegerin in Österreich, dann bekam sie Krebs (in dieser Zeit hatte sie auch eine Nacht bei mir zu Hause verbracht) und ist verstorben. Der Vater ist schwer krank, nun kümmert sich Andrea um die Kinder.
Ich bin an einem Ort, wo Menschen und ihre Schicksale einander begegnen. Neben mir am Tisch sitzt ein ehrenamtlicher Helfer der Tafel, der als Journalist schon die halbe Welt und das ganze Burgenland kennen gelernt hat. Einen Tisch weiter sitzen zwei Gymnasiastinnen, die das erstemal in der Tafel sind, um sich hier ein Mittagessen zu holen, bevor sie miteinander Mathematik lernen.
Ich spüre, das hier sind die richtigen Basics für mein Lehrjahr, und ich bin froh, diese Möglichkeit zu haben.