An der Seite der Näherinnen von Oberwart

Nachmittags ist es schon empfindlich warm in der Werkshalle, vor allem an diesen Sommertagen. Ich frage mich, ob mein Deo der Hitzeentwicklung stand halten wird und beruhige mich damit, dass es den anderen Frauen, an deren Seite ich im Juli arbeite,  genauso geht. Seit 7.30 Uhr  ist hier Hochbetrieb. Manche Arbeiterinnen kommen schon früher, um den output ihres Tageswerks zu erhöhen. Andere, die ihre Kinder noch in den Kindergarten bringen, kommen um 8 Uhr. Die Werksleiterin möchte den Frauen zusätzlichen Stress mit der Familie ersparen. Der Konzern lässt das zu.

Nachmittags fällt mir das Dauergeräsusch der Nähmaschinen und Reinigungsdüsen besonders auf. Vor allem an einem Tag, an dem ich nahezu durchgehend an derselben Arbeitsstation tätig bin. Geschätzte 4000 BH-Träger habe ich auf Makellosigkeit überprüft. Vielleicht waren es auch mehr. Ich habe nur mehr BH-Träger gesehen. An anderen Tagen wechsle ich den Arbeitsschritt, so wie es etliche Kolleginnen machen, die immer gerade dort Platz nehmen, wo sich die Arbeitsaufträge in Kisten stapeln. Es ist Akkordarbeit ohne Fließband. Das wurde vor einigen Jahren abgebaut. Nun transportieren die Näherinnen ihre Kisten selbst zur nächsten Station weiter. Ob das besser ist als am Band zu arbeiten, kann mir keine so genau sagen. Jedenfalls erhebt man sich auf diese Weise regelmäßig von seinem Sitz und macht ein bisschen Bewegung. Auch gut. Die Stimmung ist angenehm. Wenn ich einer die von mir erledigte Arbeit bringe, damit sie  daran weiterarbeiten kann, ertönt ein freundliches „Danke“ und ich habe wirklich den Eindruck, dass die Frauen hier dankbar sind, dass sie diese Arbeit haben. Schlecht bezahlt, aber ein Arbeitsplatz, für etliche schon seit über 25 Jahren. Es ist eine anstrengende Arbeit, denn die meisten Arbeitsschritte erfordern hohe Konzentration. Ein österreichisches Qualitätsprodukt darf keinen Makel aufweisen. Das mag „der Kunde“ nicht. (Hier sagt man tatsächlich noch „der Kunde“, obwohl die Produkte, die hier gefertigt werden, fast ausschließlich Kundinnen als Zielgruppe hat. Auch eine Erfahrung.) So wird jeder Fehler irgendwann in der Produktionskette entdeckt, da gibt es keine Toleranzmöglichkeit. Wie gesagt, „der Kunde“ will keine Makel. Sonst könnte er ja gleich eine in Asien produzierte Billigware kaufen. Also ist die Devise nicht nur, die vorgegebene Tagesration durchzuarbeiten, sondern dies auch fehlerfrei zu bewerkstelligen. Und das gilt für alle 50 – 80 Arbeitsschritte, Zuschnitte im Wiener Neustädter Werk noch nicht eingerechnet. Abladen – abzählen – aufteilen – zuteilen – Kisten abdecken – Kisten verschieben – …. – Cups abstecken – Cupteile zusammennähen – Nähstellen markieren – Steg auf den ersten Teil annähen – Bändchen annähen – … Kontrolle – … – Rückenteile annähen -…. – Bund annähen – Bund umlegen – Träger einfädeln – Träger abnähen – … – Kontrolle – …  – Verschluss annähen … – Nähte kontrollieren – … – Fusseln entfernen – Schlusskontrolle. Verpacken.

Für uns ist es einfach ein BH. Nach meiner ersten Woche hier weiß ich, was und vor allem wer dahintersteckt. Es ist gut, das zu wissen.

Veranstaltungsbesuche: Das Pendeln zwischen zwei Welten

Es ist die Zeit der Premieren und Jubiläumsfeste, der Eröffnungen und Spatenstiche. Und jedesmal befällt mich ein gewisses Unbehagen, wenn die offziellen Feierlichkeiten mit den Wortspenden zu Ende bzw. die Pausenzeiten eingeläutet sind. Dann nämlich ist die Phase der „gesellschaftlichen Segregation“.

Exkurs (zitiert nach Wikipedia): „Segregation bezeichnet den Vorgang der Entmischung von unterschiedlichen Elementen in einem Beobachtungsgebiet. Man spricht dann von Segregation, wenn sich die Tendenz zu einer Polarisierung und räumlichen Aufteilung der Elemente gemäß bestimmter Eigenschaften beobachten lässt. Das Beobachtungsgebiet ist entlang bestimmter Merkmale segregiert, wenn eine bestimmte Gruppe oder ein spezifisches Element in Teilen des Beobachtungsgebietes konzentriert auftritt, in anderen dagegen unterrepräsentiert ist.“

Bei der Eröffnung der „AIDA“ im St. Margarethener Steinbruch beispielsweise wurden besondere Gäste – die zur Kennzeichnung, dass sie solche sind, ein Bändchen um das Handgelenk trugen – auf eine Terrasse eingeladen, in der sich nur ihrereiner aufhalten durfte, während „das gemeine Volk“ sich auf der unteren Ebene tummelte. Bei der Premiere der „Anatevka“ in Mörbisch sammelte sich die Promi-Gesellschaft in der Pause auf der Ebene vor der ersten Reihe. Dort blieb man mit Getränken versorgt hübsch unter sich.  Was genau kredenzt wurde und ob man, so wie alle anderen auch, für die Getränke bezahlen musste, weiß ich nicht. Ich bin nicht hingegangen. Da waren so viele andere interessante Menschen. Bei vielen Veranstaltungen gibt es dann eigene Tische für die Ehrengäste. Das ist nett und zuvorkommend, erspart man sich doch das Suchen nach einem Platz und bedient wird man noch dazu. Aber wohl fühle ich mich nicht dabei.

Ich mag diese Aufteilung in Promigesellschaft und „Volk“ nicht. Nicht, dass unter den Ehrengästen nicht auch nette, sympathische Leute wären, mit denen ich gerne plaudere.  Weil sie nette Menschen sind, nicht, weil sie Promis sind. Für mich ist es manchmal unerträglich, wie eine gewisse Auswahl aus PolitikerInnen, Wirtschaftstreibenden und anderen Prominenten beständig unter sich bleiben (wollen?).  Hier wird eine Kluft zwischen Gesellschaftsgruppen aufgetan und zementiert, die nur für ein paar Fotos, die BürgerInnennähe dokumentieren sollen, übersprungen wird. Ich komme mir manchmal wirklich so vor, als würde ich zwischen zwei Welten pendeln. Zwei Welten, aus denen aus völlig unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben, die Welt und unser Zusammenleben geschaut wird. Beide Perspektiven sind wichtig, gerade in der Politik. Aber es ist meines Erachtens immer wichtig zu wissen, von welcher Perspektive man gerade auf ein Problem, eine Herausforderung, eine Fragestellung schaut und aus welcher Perspektive heraus man diese beurteilt und nach Antworten sucht. Ohne diese Differenzierung bleibt man in der eigenen Betrachtungswelt gefangen.

Und so bitte ich alle VeranstalterInnen, deren Promi-Ecken und Ehrentische ich verlasse, um mich auch ohne Begleitung eines Fotografen unters Volk zu mischen, um Verständnis und Nachsicht. Ich komme ja wegen der Veranstaltung, aufgrund meiner Wertschätzung für die VeranstalterInnen und meines Interesses an den Leuten, die ich vor Ort treffe. Ich bitte, es nicht als mangelnde Aufmerksamkeit zu interpretieren, wenn ich das Angebot der Sonderbehandlung nicht in Anspruch nehmen will. Eine so gestaltete Promi-Rolle liegt mir einfach nicht. Das kann ich nicht. Ich tu lieber das, was ich kann und wirklich gerne mache: den ganz normalen Leuten zuhören und mit ihnen reden. Sicher entgeht mir dadurch hie und da eine „Insider-Information“ oder eine Hintergrund-Mauschelei. Aber das, was ich von den Menschen, mit denen ich bei solchen Gelegenheiten in Kontakt bin, mitbekomme, ist mir – persönlich und für meine politische Arbeit – einfach sehr wichtig.

Ein Aufdeck-Dilemma

Ich erfahre ja so einiges in meinem Lehrjahr, auch außerhalb der  konkreten Betriebe, in denen ich arbeite.  Zum Beispiel darüber, was ein wirkliches Ärgernis in der Gastronomie ist, für DienstnehmerInnen ebenso wie für anständige DienstgeberInnen. Das sind nämlich jene Betriebe, die ihre Arbeitskräfte nicht oder nur mangelhaft anmelden. Es sind jene, die Steuern und Sozialversicherungsabgaben hinterziehen, weil sie ihr Personal schwarz arbeiten lassen oder für wesentlich weniger Stunden anmelden, als es der realen Arbeitszeit entspricht. Natürlich erfahre ich diese Dinge immer nur unter der Hand und mit der dringenden Bitte, nicht zu verraten, von wem ich diese Information habe. Ich werde sogar häufig explizit gebeten, nichts zu unternehmen, denn die  Betroffenen fürchten um ihren Arbeitsplatz, wenn herauskäme, dass sie „geplaudert“ hätten. Täten sie dies nicht, hätten sie sich schon längst selbst lautstark beschwert. Abgesehen vom zum System gewordenen Betrug werden hier DienstnehmerInnen genötigt, zu unrechtmäßigen Zuständen zu schweigen.

Ebenso zum Schweigen genötigt sind die vielen Angestellten, die angeblich „freiwillig“ Vereinbarungen unterschreiben, beispielsweise im Handel, wenn es um das Arbeiten an Samstagen geht. Natürlich müssen sie nicht einverstanden sein, jederzeit zur Samstagsarbeit eingeteilt zu werden. Natürlich können sie auch einfach abwarten, bis sie – bei Weigerung das zu tun – gekündigt werden.

Eine andere alltägliche Nötigung muss zwar nicht unbedingt verschwiegen werden, ist aber nicht weniger skandalös. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die einer bestimmten Partei beitreten mussten, um einen Job, eine Beförderung oder eine Wohnung zu  bekommen. Ich habe schon Listen angelegt. Ich weiß, welcher Bürgermeister Bewerberinnen für einen von der Gemeinde ausgeschriebenen Posten ein Parteibeitrittsformular hinlegt, bevor er ihnen den Job zusagt. Mir sind einige konkrete Fälle bekannt, in denen in landeseigenen Betrieben und solchen mit Landesbeteiligungen Angestellten eine Besserstellung zugesichert wurde, wenn sie zeigen würden, zu wem sie gehörten. „Und du weißt ja, was ich meine.“ Und alle, die mir das erzählen – von sich selbst, von Töchtern, Söhnen, Freunden oder Freundinnen – bitten mich, diese Information nicht weiter zu verwenden. Sie haben schlichtweg Angst.

Ich bin in einem Dilemma. Natürlich sollte und will ich Aufdecken, wo derartige Nötigungen passieren, wo Finanzamt und Sozialversicherungsträger betrogen werden, wo Menschen gezwungen werden, entgegen ihren persönlichen weltanschaulichen oder politischen Einstellungen Position zu beziehen, wo erzwungene Parteizugehörigkeit (mit entsprechender Beitragszahlung) vor jeder Qualifikation entscheidend ist. Aber ich wurde gebeten, das alles für mich zu behalten, ich solle es „nur wissen“. Ich soll nichts und niemanden verraten, weil ich einzelnen damit schaden könnte. Ich will aufdecken, aber wäre es nicht unmoralisch, andere damit in (Job-)Gefahr zu bringen?

Und so können skandalöse Zustände bestehen bleiben, weil sich einzelne nicht getrauen, die Wahrheit zu sagen. Während woanders Menschen ihr Leben riskieren, weil sie für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen, müssen sich Menschen bei uns vor Jobverlust fürchten, weil sie im Arbeitsleben demokratische Freiheit und das Einhalten von Recht einfordern. Ich denke, dass wir uns auch in dieser Angelegenheit vom individuellen Kampf weg hin zur gemeinsamen Aktion bewegen müssen, um Veränderungen zu erreichen. Dazu müssten aber viele bereit sein, sich gemeinsam zu wehren.  Gerade auch, was die Parteibuchwirtschaft betrifft.

Sachdienliche Hinweise und persönliche Stellungnahmen nehme ich gerne entgegen, auch per E-Mail (regina.petrik@gruene.at) oder per sms (0664/1164633).