PädagogInnen im Spagat zwischen Land und Gemeinde

Durch mein Monatspraktikum im Kindergarten  wurde ich in vielem bestätigt, was ich schon seit vielen Jahren rund um die Kinderbetreuungseinrichtungen im Burgenland denke und fordere. Da gibt es inhaltliche und organisatorische Ebenen. Leider ist es noch immerso, dass die Bedeutung der Elementarpädagogik in der öffentlichen Auseinandersetzung zu wenig beachtet wird.  Kinderkrippen und Kindergärten sind Orte mit hohen pädagogischen Qualitätsansprüchen. Viele davon sind bereits im Kindergartengesetz festgeschrieben. Aber wenn die Gemeinden, die im Burgenland in überwiegenderZahl die Trägerinnen der Kinderbetreuung sind, nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen (können), dann leiden darunter Kinder und PädagogInnen. Außerdem bringen die wenigsten BürgermeisterInnen die inhaltliche Kompetenz mit, als DienstgeberInnen einer pädagogischen Institution tätig zu sein.

AB IN LANDESKOMPETENZ
Daher braucht es eine (schrittweise) Überführung der Trägerschaft der öffentlichen Kindergärten in Landeskompetenz. Nur so wird gewährleistet, dass die PädagogInnen und KindergartenleiterInnen nicht zwischen den Anforderungen des Landes und der Inspektorin einerseits und den durch die Gemeinde geschaffenen Realitäten andererseits aufgerieben werden. Dann wäre jene Ebene, die die Qualitätsstandards beschreibt, auch für deren Umsetzung verantwortlich. Es gibt auch nur sehr, sehr wenige Gemeinden, die eineN BürgermeisterIn haben, der/die wirklich etwas von der Arbeit in Kindergarten versteht. Man stelle sich nur vor, in der Privatwirtschaft hätte eine Firma eine Geschäftsführung, die inhaltlich keine Ahnung von dem hat, wofür sie die Entscheidungen trifft. Nicht, dass auf Landesebene automatisch fachlich qualifizierte Leute in Schlüsselpositionen gesetzt werden, aber in einer Landesstruktur gäbe es zumindest die Chance, dass für eine Geschäftsführung für mehrere hundert Betreuungs- und Bildungseinrichtungen fachlich kompetentes und qualifiziertes Personal angestellt wird. Und, wenn man mal von der Verteidigung von Machtpfründen und Möglichkeiten der durch Freundschaften und Parteibücher geprägten Postenvergabe absieht, dann wäre dies eine große Erleichterung für die allermeisten Gemeinden und ihre Vorstände.

AUSBILDUNG WEITERENTWICKELN
Es braucht auch eine Weiterentwicklung der Aus- und Fortbildung der PädagogInnen. Ich bin überzeugt davon, dass es heutzutage wesentlich sindvoller ist, die Ausbildung zum/r KindergartenpädagogIn erst nach der Matura anzusetzen, etwa als eine Studienrichtung an der Pädagogischen Hochschule. Hier könnte das Burgenland bereits jetzt einen deutlichen Schritt nach vorne machen und zusätzlich zur BAKIP in Oberwart einen Lehrgang für Elementarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule anbieten. Das wäre auch im Sinne der Förderung der Ausbildung männlicher Pädagogen ein wichtiger Schritt. Es gibt kaum 14-Jährige, die sich die Ausübung eines pädagogischen Berufes vorstellen können. Mit 18, 19 Jahren sieht das schon anders aus.

WAS AUS MEINER SICHT SONST NOCH ZU TUN WÄRE

  • Reduzierung der Gruppengröße generell in Kinderkrippen auf 10 Kinder und in Kindergärten auf höchstens 20 Kinder – weitere Reduzierung um 1 je Integrationskind bzw. je Kind unter 3 Jahren
  • In jeder Kindergartengruppe ist ab dem 11. Kind einE HelferIn oder einE zweiteR PädagogIn einzusetzen, in eingruppigen Kindergärten ist wie in den Kinderkrippengruppen jedenfalls eine Helferin für mindestens die Kernzeit einzusetzen. In alterserweiterten Gruppen ist ab dem 15. Kind jedenfalls einE zweiteR PädagogIn einzusetzen. Ab der 3. Gruppe in einem Haus ist eine weitere PädagogIn in einem den Gruppengrößen entsprechenden Stundenausmaß einzusetzen.
  • Reduktion der wöchentlichen Kinderbetreuungszeit für KindergartenleiterInnen um 4 Stunden je Gruppe. Sollte die Leiterin selbst eine Gruppe führen, ist für diese Zeit einE PädagogIn in ihrer Gruppe einzusetzen.
  • Stärkung und Ausweitung der Kompetenzen der Kindergartenleitungen, z.B. in der Personalauswahl oder in der Auswahl des Essensangebotes
  • Bedarfsgerechte Bewilligung von SonderkindergartenpädagogInnen-Stunden
  • Sicherung der Beratung und Bereitstellung von Supervision für PädagogInnen und HelferInnen in der Dienstzeit
  • Gesunden Lebensstil in den Bildungseinrichtungen praktizieren
  • Förderung von Privatinitiativen mit innovativen pädagogischen Konzepten
  • Ermöglichung innovativer Betreuungskonzepte an den Betreuungsrandzeiten

Ja, der Kindergarten ist tatsächlich inhaltlich „meins“, wie man so schön sagt. Da gäbe es viel zu tun für mich, wenn ich vielleicht einmal ….. als Landesrätin …. aber das ist eine andere Geschichte.

Schick mich hackeln

Bei meiner letzten Station von „Regina will’s wissen“ gibt es direkte Demokratie pur: Ich gehe dorthin arbeiten, wohin Sie mich schicken/wohin du mich schickst. JedeR kann mitbestimmen, welche Arbeitserfahrung ich noch machen sollte.
Dazu gibt es drei Arbeitsstellen zur Auswahl und die Möglichkeit, an
einer elektronischen Abstimmung darüber teilzunehmen. Und zwar
unter folgendem link:

http://burgenland.gruene.at/regina-wills-wissen/schick-regina-hackeln

Unter dem Motto „3 Bezirke, 3 Branchen“ kann ich eine echte Auswahl anbieten:

Bandagist Fischer in Güssing und Jennersdorf: Unbenannt
Ich geb’s zu, ich habe noch kaum Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Schmerzende Knie und Schultern kenne ich, wie eine Bandagistin dann hiflt, könnte ich hier kennenlernen. Wenn ich eine Arbeitsstelle im südlichsten Landesteil antrete, dann heißt das auch, mich jeweils für ein paar Tage dort einzuquartieren, weil ein Tagespendeln von Eisenstadt aus ökologisch und finanziell nicht sinnvoll ist. Für meine Maturantinnen-Tochter wäre es eine Möglichkeit, sich auf die Selbstversorgung nach dem Auszug aus der mütterlichen Wohnung schrittweise vorzubereiten 😉

SOS Kinderdorf in Pinkafeld:        Kinderdorf
Zuletzt war ich im Kinderdorf Pinkafeld, als ich beim Sommerfest an der Schminkstation ausgeholfen habe. Das war schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Mit dieser Arbeit würde ich in einen Kernbereich meiner früheren beruflichen Tätigkeiten „zurückkehren“: pädagogische Arbeit mit Kindern und Eltern.  Und ich könnte einen kleinen Beitrag zur Entstressung vor Weihnachten beitragen.

Autowerkstätte Toyota Buchreiter in Eisenstadt:Buchreiter
Nach dem Arbeiten am Bau wäre das meine zweite Station in einer „Männerdomäne“. Bei Toyota Buchreiter habe ich nicht nur mein Hybrid-Auto gekauft, ich bringe es auch regelmäßig hierher in die Werkstatt. Es wäre schon sehr spannend für mich zu sehen, wie sich das von der anderen Seite zeigt. Weibliche Lehrlinge sind in einer Autowerkstatt ja nicht gerade häufig zu finden, ich wäre dann eine und hoffe, dabei einiges zu lernen.

So, nun könnt ihr entscheiden: Güssing, Pinkafeld oder Eisenstadt?
Bandagistin, Kinderdorf-Pädagogin  oder Automechanikerin?

Ich bin schon sehr gespannt darauf, wohin ihr mich hackeln schickt!

http://burgenland.gruene.at/regina-wills-wissen/schick-regina-hackeln

Diversitätsalltag mit Aufmerksamkeitsplus

Es ist 6.50 Uhr, mein Dienst im Kindergarten beginnt. Eine Kollegin hat schon aufgesperrt, ihr Gruppenraum ist die erste Anlaufstelle für die Kinder, die vor 8 Uhr in den Kindergarten kommen. Ein Mädchen ist schon da. Ihre alleinerziehende Mutter arbeitet in einem Supermarkt und hat Frühdienst. Andere Kinder werden von Vätern oder Großmüttern gebracht. Sie kommen in unterschiedlichen Stimmungen, mit unterschiedlichen Trennungsritualen, mit oder ohne Frühstück im Bauch, im Wissen, vor dem Mittagessen oder als eines der letzten Kinder abgeholt zu werden.  Sie sind unterschiedlich alt, suchen ihre FreundInnen oder wollen lieber ihre Ruhe haben. Manche können sich gut ausdrücken, andere versuchen gerade, ihre ersten außerfamiliären Verständigungsmöglichkeiten auszuloten. Manche können schon Buchstaben schreiben, andere müssen gewickelt werden. Diversität ist ein zentrales Merkmal der Arbeit im Kindergarten und die große pädagogische Herausforderung.

Die Pädagoginnen – bitte sagt nie wieder „Tante“ ! – müssen sich in der Erfülllung ihres Bildungsauftrags tagtäglich dieser Herausforderung stellen. Das, was nach außen hin sichtbar ist, ist nur eine Seite der pädagogischen Arbeit. Die Zeichnungen und Basteleien, die Lieder und Gedichte, die Spiele und das aufgeschnittene Obst sind greifbare Produkte. Das, was dahinter steckt, ist aber der eigentliche Knackpunkt guter Pädagogik und wertvoller Bildungsarbeit.  Auch jede Handlung der Helferinnen, deren Aufgabe die Unterstützung in der Betreuung der Kinder ist,  hat pädagogische Wirkung. Denn die Kinder lernen, was sie erleben.

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Einige Beispiele aus dem  Arbeitsalltag im Kindergarten

* Dafür zu sorgen, dass zwanzig 2-6-Jährige so weit angezogen sind, dass sie in den Garten spielen gehen können, ist das eine.  Dabei in einer Weise zur Verfügung zu stehen, dass die Kinder lernen, möglichst viele Handgriffe selbst machen zu können und jene, die das noch nicht können, mit wertschätzenden Aufmunterungen in die richtige Richtung zu lenken, ist das andere.
* Ab 7 Uhr Früh Listen auszufüllen, welches Kind wie lange an diesem Tag da sein wird und für wie viele Kinder ein Mittagessen bereitstehen muss, wer krank ist und wer von jemandem anderen als gewöhnlich abgeholt wird, ist das eine. Gleichzeitig zu sehen, ob ein 2-Jähriges gerade wieder ein Regal ausräumt, ein 3-Jähriges kurz davor ist, in die Hose zu machen, zwei 4-Jährige am Beginn einer heftigen Auseinandersetzung über den Gebrauch eines Legosteins stehen und die ankommenden Kinder und Eltern, die an der Tür stehen, auch noch freundlich zu begrüßen, ist das andere.
* 25 Kinder dazu zu bringen, ihr Spielzeug wegzuräumen und mit den Sesseln einen Kreis zu bilden, in den sich sodann alle setzen, ist das eine. Gleichzeitig richtig zu reagieren, wenn sich ein Kind nach dem Klogang genüsslich nicht nur Hände, sondern auch gleich die Arme (und damit auch das Gewand) wäscht, und zu riechen, dass da ein Kind doch noch gewickelt gehört und sich dazu nicht ungeduldig zu äußern, ist das andere.
* Das Material für die von den Kindern selbst gebastelten Laternen herzurichten und darauf zu achten, dass letztlich alle  – auch jene, die schon einige Tage krank sind – ihre Laternen haben, ist das eine.  Gleichzeitig die richtigen Worte zu finden, wenn ein Kind dem anderen sagt: „Ich fahr auf Urlaub und du nicht, weil du keinen Papa hast“,  ist das andere.
* Weihnachtslieder und Muttertagsgedichte vorzubereiten und mit den Kindern zu lernen, ist das eine. Dabei zu berücksichtigen, dass in der Gruppe Kinder aus Familien unterschiedlicher Glaubensrichtungen sind und solche, für die das Weihnachtsfest keine Bedeutung hat und dass die Kinder in höchst unterschiedlichen familiären Realitäten leben und die Texte tunlichst nicht Geschlechtsrollen fixierend sind, ist das andere.

Gruppen im Raum

Detail am Rande: Eine echte Pause machen ist an so einem Kindergartentag praktisch nicht möglich.

Heuzutage KindergartenpädagogIn sein heißt, mit Diversitäten umgehen zu können und mit den Kindern eine Kultur zu entwickeln, in der sie mit all ihren Unterschiedlichkeiten einander wertschätzend begegnen. Es heißt, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und auf jedes Kind einfühlend eingehen zu können. Und es heißt,  auch den Eltern begreiflich zu machen, dass das Zusammenleben in einer Gruppe von so unterschiedlichen Kindern auch bedeutet, von eigenen Wünschen und Vorstellungen über die ideale Betreuung im Kindergarten loslassen zu können und darauf zu vertrauen, dass die Fachfrauen (und wenigen Fachmänner) das schon gut machen werden.

Unbegreiflich, dass KindergartenpädagogInnen gesellschaftlich nicht mit Hochachtung begegnet wird und dass Ämter und Vertreter verwundert sind, wenn ein Anruf am Vormittag nicht auch noch entgegengenommen werden kann.
Unverständlich, dass noch immer bis zu 25 Kinder in einer Gruppe gleichzeitig betreut werden und nicht selbstverständlicher Weise zwei Personen in einer Gruppe stehen. (Das ist in den Kindergartengesetzen geregelt, die von Bundesland zu Bundesland veschieden sind.)
Unlogisch, dass sich die Leistung, die die PädagogInnen erbringen, nicht in einem entsprechenden Gehalt niederschlägt.

Es gibt noch viel tun.