„Meine Mama ist so eine“

Ich spiele mit der siebenjährigen Yvonne (Name geändert), während mein Handy vibriert. Sie fragt mich, wer mich anrufen wollte und ich erkläre, dass das eine Frau war, die sich um Obdachlose kümmert. Yvonne sagt: „Die müssen in der Früh raus und dürfen erst am Abend wieder rein.“ Ich bin erstaunt, dass Yvonne so gut über die Rahmenbedingungen einer Obdachlosenherberge Bescheid weiß und sie erklärt mir: „Meine Mama ist so eine.“ Mir bleibt mal kurz die Spucke im Hals stecken. Ich frage mich, welches Bild dieses Mädchen von seiner Mutter hat und aus welchen Informationsfragmenten es sich zusammensetzt. Ich frage mich, ob das Obdachlosendasein das eine prägende und vorherrschende Bild ist, das dieses Kind gespeichert hat, oder ob es eines unter vielen ist. Ich frage mich, ob mir Yvonnes Geschwister ihre Mutter auch als „so eine“ beschreiben würden.

Welche Elternbilder tragen wohl andere Kinder, die hier im Kinderdorf leben, mit sich herum? In der Theorie und ganz allgemein wissen wir „Studierten und Informierten“ das ja. Wir lesen Fachartikel und sehen Dokumentationen und diskutieren Jugendwohlfahrtsmodelle und Sozialkonzepte. Aber wann erleben wir es schon, dass uns ein Kind ohne Umschweife erklärt: „Meine Mama ist so eine“, wenn es um das Leben von Obdachlosen geht, oder „Mein Papa ist auch dort“, wenn in einem Buch ein Gefängnis abgebildet ist, in das die Diebe und Räuber der Geschichte gesperrt werden?

Vor so einem Hintergrund wird deutlich, mit welch hoher fachlicher und persönlicher Kompetenz Kinderdorfmütter und -väter, Familien- und SozialpädagogInnen hier arbeiten. Denen darf die Spucke nicht im Hals stecken bleiben.  Sie geben den Kinder auch dadurch Halt, dass sie sogar vor dem Hintergrund solcher Situationen dem Leben der leiblichen Eltern mit Respekt begegnen. Respekt!

 

Familie sein im Kinderdorf

Die letzten Wochen meines Lehrjahrs verbringe ich also in einem SOS-Kinderdorf. Mein Schwerpunkt liegt im Mithelfen bei der Nachmittagbetreuung in einer Familie. Freitags darf ich in das Leben im Jugendhaus schnuppern. Ansonsten bin ich bei Besprechungen und allerlei Aktivitäten dabei,  damit ich das „Dorfleben“ aus unterschiedlichen Perspektiven kennenlerne. Auch davon werde ich versuchen, möglichst authentisch zu erzählen, wenngleich es hier besonders schwierig ist, weil ich durch meine Berichte keinesfalls die Intimsphäre der Betroffenen stören möchte. Auch die gebotene Verschwiegenheitspflicht, die zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen sehr wichtig ist, mahnt mich zu Vorsicht und Besonnenheit beim Erzählen.

Was also macht das Leben im Kinderdorf aus? Was sind die besonderen Herausforderungen für die hier Arbeitenden ?
Ich könnte schreiben, wie großartig der Einsatz der Kinderdorf-Eltern für die ihnen anvertrauten Kinder ist, mit wie viel Liebe und Hingabe sie ihre Rolle wahrnehmen, obwohl es doch gar nicht ihre leiblichen Kinder sind. Ich könnte schreiben, wie anhänglich und dankbar für jede Zuwendung die Kinder hier sind. Kinder, die in ihrem Leben schon einige traumatische Beziehungserlebnisse hatten. Das könnte ich schreiben. Viele würden nicken und mir zustimmen und einigen würde ganz warm ums Herz ob der Tatsache, dass ich gerade in der Vorweihnachtszeit mit diesen beziehungsbedürftigen Wesen ehrenamtlich arbeite.  Es wäre so leicht, Klischees zu bedienen und mich dann von den LeserInnen mit der Gewissheit, ein wenig Betroffenheit und wohliges Gefühl erzeugt zu haben, zu verabschieden. Der Haken an der Sache ist, dass ich bislang nichts erlebt habe, das diesem Klischee entsprechen würde. Ich gebe zu, so viel habe ich noch nicht erlebt, und vielleicht kommen oben beschriebene Eindrücke auch noch mal dazu, aber in meiner ersten Woche gab es nichts, das mich dazu veranlassen könnte, die Kinder des hiesigen Kinderdorfs als arme, vom Leben schwer gezeichnete Wesen und die BetreuerInnen als selbstlose, sich aufopfernde Übermütter zu beschreiben.

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Meine ersten Eindrücke sind vielmehr diese: Hier arbeiten gut ausgebildete FamilienpädagogInnen, SozialpädagogInnen und BeraterInnen in einem vielschichtigen und vielfältigen System, das auf unterschiedliche aktuelle Erfordernisse von Kindern eingeht, die aus unterschiedlichen Gründen kürzer oder länger nicht mit ihren leiblichen Eltern zusammenleben können. KeineR ist für sich allein, man tauscht sich aus, berät, was für jedes Kind in seiner aktuellen Lebenssituation das Beste sei, beansprucht Beratungen, wenn man mal selbst nicht weiterkommt. Das ganze findet in einem Rahmen statt, der den Kindern eine anregende Umgebung und stabile Beziehungen bietet. Was den Alltag einer Kinderdorf-Familie, so wie ich sie aktuell kennenlerne, von dem Alltag anderer Familien unterscheidet, ist zum einen die Familiengröße und zum anderen, dass die betreuenden Personen unheimlich viel dokumentieren müssen. Jede Handlung, jede Maßnahme, auch die Ernährung müssen nachvollziehbar sein.  Für die Jugendwohlfahrtsbehörde und auch für die leiblichen Eltern, die in unterschiedlicher Intensität ihre Rolle im Leben der Kinder haben. Da kann man schon mal verzweifeln, wenn wochenlange Beziehungsarbeit oder Therapie durch einen Wochenendebesuch bei den Eltern zunichte gemacht scheint. Da braucht man einen langen Atem, wenn für sechs Kinder der Kontakt zur Lehrerin gehalten und  die Therapieeinheiten organisiert werden müssen. Da braucht man Geduld, wenn sich die Streitereien der Kinder untereinander steigern und Erziehung zur eigenverantwortlichen Selbständigkeit gefordert ist. Da müssen die Termine mit den BeraterInnen abgehalten und außenstehenden Personen klargemacht werden, dass es auch Kinderdorfkindern nicht gut tut, verwöhnt oder anderen gegenüber bevorzugt zu werden. Denn in all der Besonderheit geht es doch um ein Leben in (relativer) Normalität und die Befähigung von Kindern und Jugendlichen, einmal ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und eigenverantwortlich zu gestalten. Das ist nämlich an allen Familien gleich, das ist Aufgabe aller Eltern, ob Kinderdorfmutter oder -vater, ob SozialpädagogIn oder leiblicher Elternteil.

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Der emotionale Rucksack, den die hier lebenden Kinder und Jugendlichen durch das Beziehungsunvermögen ihrer Herkunftfamilien mit sich tragen, wird durch die Beziehungs- und Umfeldgestaltung im Kinderdorf mitgetragen und zum Teil kompensiert. Dafür, dass das gut gelingen kann, brauchen Einrichtungen wie diese auch Unterstützung durch Geld- und Sachspenden. Derlei Unterstützung haben sich nicht nur die Kinder, sondern auch die hier Arbeitenden wahrlich verdient, denn sie leisten sehr viel und machen den Erfolg des Systems nur durch ihr persönliches Engagement möglich. Ich hoffe sehr, dass sich Einrichtungen wie diese auch ohne das Widerkäuen von Klischees dieser Zuwendungen erfreuen können.