Die Suche nach dem Ende des Tunnels

Es war mein zweiter Tag als Praktikantin der Flüchtlings- und Asylarbeit der Caritas. Am ersten durfte ich bei einem Beratungsgespräch zuhören und eine Ahnung davon bekommen, wie es jemandem geht, der mit seiner Familie monatelang auf sein erstes Interview wartet. Das größte Anliegen des Familienvaters: Arbeiten dürfen, seine Familie selbst erhalten und keine finanzielle Hilfe mehr von Staat bekommen. Er will niemandem auf der Tasche liegen. Aber keiner kann ihm sagen, wann er sein wegweisendes Gespräch haben wird.

Heute besuchen wir das Zeltquartier für Asylwerber in Eisenstadt. Es ist der erste Besuch von CaritasmitarbeiterInnen auf diesem Areal mit dem Ziel,einen Eindruck von den Umständen zu bekommen, den Asylwerbenden Rechtsberatung und Begleitung anzubieten und zum betreuenden Personal einen konstruktiven Kontakt aufzubauen.

Es hat eine brütende Hitze, als wir zu den Zelten und den Männern, die nun darin leben, kommen. Uns werden ein Tisch und zwei Bänke in den spärlichen Schattenplatz gestellt und nach und nach gesellen sich Flüchtlinge zu uns. Wir werden von zwei ehemaligen Asylwerbenden begleitet, die nun dolmetschend mithelfen, die Kommunikation zwischen uns und den vorwiegend aus Syrien und dem Irak kommenden Männern zu gestalten.

Die Männer sind dankbar, dass Ihnen jemand erklärt, warum sie hier sind und wie das Asylverfahren in Österreich abläuft. Sie erzählen auch von ihren körperlichen Leiden und von Unnannehmlichkeiten des Lebens in den Zelten. Die Betreuer erzählen, dass es im Großen und Ganzen keine Schwierigkeiten gibt, es gäbe halt nichts zu tu für die Männer.

Da denke ich auch an jene, die tagein, tagaus nichts anderes tun, als Asylanträge zu bearbeiten und niemals ihren Aktenstoß abbauen können. Sie haben ausschließlich mit Menschen zutun, die ein tragisches Schicksal hinter sich und eine ungewisse Zukunft vor sich haben. Ich stelle mir vor, dass das eine sehr frustrierend vor und frage mich, wie man das aushält, in so einer Atmosphäre zu arbeiten.

Bald wird mir klar, dass hier beim Fehlen der großen Lösungen, die kleinen nicht ausbleiben dürfen: Unterstützung zu bieten, dass die Kommunikation zwischen den BetreuerInnen und Sicherheitsdiensten auf der einen und den Asylwerbern auf der anderen Seite unkomplizierter wird, z.B. durch das Erstellen von Gesprächskarten in verschiedenen Sprachen, in denen Alltagssäte wie „Ich möchte zu einem Arzt gehen“ oder – seitens des Personals – „Bitte bestürmen Sie mich nicht zu zehnt mit einem Anliegen, sondern kommen sie einzeln oder zu zweit“, oder „Sie werden mit einem Polizeiauto in ihr nächstes Quartier geführt. Sie werden nicht ins Ausland gebracht“. Oder durch Anbringen von Tafeln, auf denen in verschiedenen Sprachen erklärt wird, wie alles hier abläuft, um Sicherheit zu schaffen. Auch über die Möglichkeit, Hilfsgüter wie Kleidung, Decken und Beschäftigungsmöglichkeiten in das Zeltdorf gebracht  und wie eine Ausgabe derselben organisiert werden könnten, sprechen wir mit dem immer offener werdenden Personal.

Bei aller Erschütterung, dass ein reiches Land wie Österreich nicht mehr als Zelte bereitstellt und Menschen auf der Flucht in solchen Zuständen leben müssen, bei allem Unverständnis dafür, dass von den politisch Verantwortlichen offensichtlich keine SpezialistInnen der Katastrophenhilfe und des Krisenmanagements zugezogen werden, bei allem Ärger über die Unfähigkeit der Regierung, konstruktiv mit allen Beteiligten Lösungen zu finden, spüre ich ein wenig Zuversicht, dass die vielen Menschen, die diese Zustände nicht hinnehmen wollen und konkret helfen wollen, hier auch willkommen sind.