Die Gräben sind nicht tiefer, aber mit Geschützen gefüllt

Heute denke ich an Eindrücke aus meiner Jugendzeit zurück. Meine Eltern hatten abends oft Besuch, was für meine Schwestern und mich nicht nur bedeutete, dass wir in der Küche auf die Leckereien warteten, die nach dem feinen Abendessen übrigblieben, sondern auch, viele interessante Menschen kennenzulernen. Ein befreundetes Ehepaar hatte eine besondere Position: Es waren Sozialisten ! Meine Eltern waren Zeit ihres Lebens ehrenamtlich in der Katholische Kirche tätig, mein Vater war ÖVP-Bezirksrat und meine Mutter später (als eine von Erhard Buseks „bunten Vögeln“) im Wiener Gemeinderat. Sie waren weltoffen und aufgeschlossen, innerhalb der Kirche liberal, aber sozialistische Freunde zu haben, das war damals etwas ausdrücklich Erwähnenswertes. Es galt als besonders offen, privat mir jemandem zu verkehren, der politisch auf der anderen Seite stand.

„Links“ lernte ich zuerst als ein Vokabel kennen, das automatisch mit „verwerflich“ in Verbindung gebracht wurde. Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, dass vieles von dem, was ich richtig fand und auch als Funktionärin der Katholischen Jungschar pädagogisch und gesellschaftspolitisch vertrat, genau das waren, was in meinem Umfeld als Killerargument in Diskussionen eingesetzt wurde: links.  In meiner Jugendzeit waren die Abgrenzungen zwischen den zwei großen politischen Lagern sehr klar und der Graben zwischen katholischer Kirche und „den Linken“ war so groß, dass einem nichts mehr übrig blieb, als sich konsequent auf die Bibel zu beziehen, wenn man etwa von Verteilungsgerechtigkeit oder Basisdemokratie sprach. Fast vergessen ist heute die Aufregung, als 1971  die rote Gemeinderätin Gertrude Sandner den schwarzen Gemeinderat Josef Fröhlich heiratete (der in der Folge sein Gemeinderatsmandat zurücklegte).
Die Gräben zwischen linken und konserativen Kräften waren tief und reichten weit in das Privatleben hinein. Diese Gräben haben sich verlagert. Inhaltliche Debatten bekamen größeren Stellenwert als Parteizugehörigkeitsgrenzen. In Freundeskreisen ist eine Mischung aus Nähe zu verschiedenen Parteien zum Normalfall geworden, sofern es sich nicht um wesentliche Widersprüche in der Weltanschauung handelt.

Was sich jedoch massiv verändert hat ist die Art der Auseinandersetzung. Das liegt schon daran, dass sich die Angehörigen der verschiedenen weltanschaulichen Gruppen früher gar nicht so oft zu Debatten trafen. Man umgab sich ja eher mit seinesgleichen. „Die anderen“ waren nicht alltäglich präsent. Heute treffen wir einander dauernd im Netz, auf Internetforen und über mediale Berichte. Meinem persönlichen Eindruck nach verlaufen die Gräben heute anders, aber sie sind nicht größer als früher. Der Unterschied ist die Intensität der Debatten und die verbalen Geschütze, die in den Gräben positioniert werden.

Vielleicht liegt es auch an der romatischen Sehnsucht vieler, alle Menschen könnten einander gut verstehen und letztlich das gleiche wollen, sodass die weltanschaulichen Gräben an sich schon als bedrohlicher erlebt werden als früher. Ich höre in Gesprächen mit BürgerInnen immer wieder den Wunsch, alle in der Politik sollten doch bitte gemeinsam an einem Strang ziehen. Dieser Wunsch verdrängt, dass es eben in einer Gesellschaft verschiedene, auch einander widersprechende Auffassungen über das Zusammenleben gibt und dass Menschen eben unterschiedliche Werte leben (wollen).

Nicht die Unterschiedlichkeit der Positionen ist das größte Problem, sondern dass diese von vornherein von vielen als persönliche Bedrohung erlebt wird. Und was als persönliche Bedrohung erlebt wird, wird auch persönlich abgewertet. Wenn eine Gesellschaft aber keinen Diskurs mehr über Inhalte und Werte führt, sondern das Mittel der persönlichen Herabwürdigung der prägende Kommunikationsstil ist, werden inhaltliche Differenzen zu verbalen Schützengräben.

Es wäre einen Versuch wert, in unserer Gesellschaft wieder mehr Mut zum Unterschied  und mehr Freude an leidenschaftlicher, aber nicht minder sachlicher Diskussion zu entwickeln. In der Kunst, Sache und Person zu trennen und in der Gelassenheit,  eine – wenn auch vielleicht weltanschaulich für einen selbst verwerfliche – Position nicht automatisch als persönliche Bedrohung zu empfinden, liegt das Potential, die Verbalgeschütze wieder aus den Gräben zu holen. Das kann natürlich nur gelingen, wenn es den AkteurInnen in erster Linie um Politik in ihrem eigentlichen Sinn und um Zukunftsgestaltung geht und nicht um die beste Strategie zur Vernichtung der Andersdenkenden und um WählerInnenstimmenmaximierung. Das ist der Haken. Zugegeben.