Lehre und Berufsschule hautnah

Ich sitze in der letzten Reihe, was bei 18 SchülerInnen nicht sehr weit hinten ist. 34 Jahre nach meiner Matura drücke ich wieder die Schulbank, das erstemal in meinem Leben in einer Berufsschule, zugegebenermaßen nur für 7 Schultage. Dennoch spüre ich, was es heißt, 45 Wochenstunden auf einem harten Holzsessel konzentriert dem Geschehen zu folgen und noch Energie für Arbeiten zu Hause übrig haben zu müssen. Die Lehrkräfte sind alle sehr freundlich und bemühen sich, den 15- bis 22-jährigen Jugendlichen des ersten Jahrgangs Mechatronik Lernen als etwas Nützliches und nicht ausschließlich Belastendes zu vermitteln.  Dennoch sind meine Finger nach zwei Stunden Normschrift mit freier Hand schreiben einigermaßen verkrampft. Aber ich bin stolz, den Arbeitsauftrag gleich richtig verstanden (was keine Selbstverständlichkeit ist) und halbwegs richtig ausgeführt zu haben.

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Was mich vor dem Hintergrund meiner bisherigen Schulerfahrungen irritiert, ist die Tatsache, dass hier Schulzeit gleich Arbeitszeit ist. Also, eine Fehlstunde in der Schule wird dem Arbeitgeber gemeldet. Schließlich zahlt er ja auch die Lehrlingsentschädigung in diesen 9 1/3 Wochen, in denen ein Lehrling in der Schule ist.  Als dies zum wiederholten Male erläutert wird, rechne ich nach: Von den 45 Wochenstunden sind 4 Freigegenstände (2 Stunden Religion und 2 Stunden Bewegung und Sport). Da bleiben noch immer 41 Wochenstunden und das ist mehr als die Wochenarbeitszeit im Betrieb. Warum geht es einen Lehrbetrieb etwas an, ob ich über die Arbeitszeit hinausgehende Stunden im Schulgebäude verbringe? Noch dazu ist die Berufsschule eine Pflichtschule. Für die SchülerInnen gibt es also in diesen Wochen zwei Instanzen, denen sie formal verpflichtet sind: der Schulbehörde und dem/der ArbeitgeberIn.

Ich persönlich fände eine klarere Trennung zwischen Arbeitszeit und Schulzeit besser. Schließlich geht es ja auch darum, die verschiedenen SchülerInnengruppen in nicht allzu unterschiedlichen Welten leben zu lassen. KeinE andereR SchülerIn erhält in den Wochen der Schulausbildung dafür eine „Entschädigung“. Die „Entschädigung“ gilt ja der Arbeitsleistung im Betrieb.
Mein Vorschlag, den ich in nächster Zeit mit Lehrlingen, Wirtschaftskammer und Zuständigen der Berufsschule diskutieren will ist: Erhöhung der Lehrlingsentschädigung in der Zeit, in der die Lehrlinge tatsächlich ihre Arbeitsleistung für den Betrieb erbringen, im Gegenzug müssen die Lehrbetriebe nicht für jene Wochen zahlen, die der schulischen Ausbildung zugeordnet sind.

Klingt doch logisch, oder? Zumindest, wenn man die Sache von außerhalb des gewachsenen Systems betrachtet.

 

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