Mein „Lehrjahr“

Ich habe meinen Job als Landesgeschäftsführerin der Grünen beendet und tauche zehn Monate lang an mehreren Stellen im Burgenland in verschiedene Arbeitswelten ein – je nach Möglichkeit des Betriebs als Angestellte oder Praktikantin, mit Verdienst oder unentgeltlich. In dieser Zeit bestreite ich meinen Lebensunterhalt von Erspartem bzw. den Entschädigungen für meine Tätigkeiten sowie zum Teil aus der Mandatsgebühr als Gemeinderätin in Eisenstadt (€ 265,80 brutto – diese fließt in die politische Arbeit der Grünen Eisenstadt). Ab Oktober 2014 bin ich sechs Monate lang in Vertretung von Yasmin Dragschitz, die sich vorübergehend aus der Politik zurückzieht, Klubobfrau der Grünen Eisenstadt. Auch die aus dieser Tätigkeit bezogene Gebühr fließt zu einem Teil in die politische Arbeit für Eisenstadt. Aber ich freue mich zugegebenermaßen, dass mir nun wieder ein bisschen mehr zum Leben (und für Weihnachtsgeschenke) bleibt.

MEINE LERNFELDER

Im März startete ich im Sozialbereich. In der „Pannonischen Tafel / Freiraum Pannonia“ in Eisenstadt arbeitete ich mit sozial benachteiligten Menschen: Ich half in der Tafel, im Second-Hand-Shop, in der Küche sowie in der Arbeit mit den Obdachlosen.

Im April war ich im Handel tätig sein: In der Filiale der Supermarktkette „Merkur“ in der Mattersburger Straße in Eisenstadt lernte ich viele Stationen einer Handelsangestellten kennen: Regale betreuen, im Lager, in der Feinkostabteilung und im Backshop mitarbeiten, an der Kasse sitzen und im Restaurant mitzuhelfen.

Im Mai sammelte ich dann ausführliche Erfahrungen in der Gastronomie, konkret in Stefans Bistro in Eisenstadt als Servierkraft und beim Catering.

Der Juni war der Pflegearbeit gewidmet. Ich absolvierte im Altenwohn- und Pflegeheim der Diakonie in Gols ein Pflegepraktikum.

Im Juli arbeitete ich in der Produktion, konkret bei der Firma Triumph in Oberwart.

In die Landwirtschaftsarbeit tauchte ich im August ein, als Erntehelferin in Erich Stekovichs Paradeiserparadies in Frauenkirchen.

Die Herausforderungen, die ein kleiner BIO-Familienbetrieb – in diesem Fall mit Tieren – zu bewältigen hat, lerne ich im September kennen.

Im Oktober begebe ich mich dann in eine echte Männerdomäne: ich werde am Bau arbeiten.

Der November gehört den Kindern, konkret werde ich als Helferin in einem Kindergarten tätig sein

Das mit dem Job als Reinigungskraft in einer größeren Firma hat bis jetzt noch nicht geklappt. Ich kann noch nicht sagen, ob das noch etwas wird. Aber für meinen letzen Monat habe ich noch eine spezielle Idee. Ich verrate sie, wenn die Vorbereitung dafür unter Dach und Fach ist.

ECHTES ZUPACKEN

Ich möchte als Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in bestimmte berufliche Lebenswelten eintauchen, die ich aus meiner eigenen Lebenserfahrung noch nicht kenne. Nachdem mich die Grünen zur Spitzenkandidatin gewählt haben, ist mir klar geworden: Ich habe noch einiges zu lernen dafür, im Landtag gute Politik für die Menschen zu machen. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, möglichst viele Lebensrealitäten durch eigenes Tun kennen zu lernen, über die Sorgen der Menschen bescheid zu wissen und sie als Grundlage für die Arbeit als Volksvertreterin im Landtag ernst zu nehmen.

Dafür genügt es nicht, sich theoretisch mit den Alltagswelten von Menschen zu beschäftigen oder sich in einem kurzen Kontakt in einer Stunde erzählen zu lassen, wie es Menschen geht. Das muss man schon selbst erleben. Es geht mir nicht um symbolische Handlungen, sondern um echtes Zupacken. Daher habe ich mich entschlossen, die bezahlte Tätigkeit in der Partei aufzugeben und sozusagen ein Lehrjahr einzuschieben.

5 Gedanken zu „Mein „Lehrjahr““

  1. Liebe Regina,
    bewunderswert, was du dir dieses Jahr vorgenommen hast.
    Wir haben uns beim ABI Lehrgang „Nachhaltigkeit und Lebensstil“ kennengelernt. Du hast meine Diplomarbeit mit „Auszeichnung“ benotet, darauf bin ich sehr stolz.
    Vielleicht erinnerst du dich noch an meinen „BIO“ Beitrag mit Lebensgefährten Biobauer.
    Solltest du für den Sommer noch ein Betätigungsfeld in der Landwirtschaft suchen: Wir heißen dich auf dem BIO Bauernhof (NÖ – Bucklige Welt) herzlich willkommen. Landwirtschaft, Imkerei, Feldenkrais bei Franz, Umbau am Bauernhof und die Kombination mit mir als Bankangestellte – eine Herausforderung!
    Ich denke, vor Ort zu sehen und zu hören, wie es einem Biobauern geht, wird dir wahrscheinlich viel Neues zeigen.
    Vielleicht sehen wir uns, es wäre sehr interessant.
    Ganz liebe Grüße
    Margit Adorjan

    1. Liebe Margit,
      natürlich erinnere ich mich an dich (auch ohne nähere Erläuterungen) und ich kann mich gut an dein ganz besonderes Seminar im Haus der Begegnung erinnern! Vielen Dank für dein Arbeitsangebot! Ich habe bereits zu BIO-Bauern und -Bäuerinnen Kontakt und möchte gerne im Burgenland arbeiten. Aber falls das, was ich im Moment im Auge habe, nichts wird, komme ich gerne darauf zurück. Herzliche Grüße & alles Gute für Euch!
      Regina

  2. Liebe Regina,

    ( entschuldige bitte dass ich nun einfach dass “ Du“ aufschnappe – Ich ziehe vor Dir wirklich meinen Hut – wenn ich Dich richtig verstehe, lebst Du also nunmehr ein Jahr von den teils sehr mageren Gehältern in diesen diversen Branchen und dem Gehalt als Gemeinderätin – sind dass denn wirklich nur € 265,80 monatlich ?? keine Luxus-Politgehälter ?

    Wir bräuchten in unserem Land mehr solche PolitikerInnen wie Dich, ich gestehe, dass ich bis jetzt kein Grün Wähler war ( obwohl ich als Tiroler mit der Koalition sehr zufrieden bin ), aber ich werde bei den nächsten Wahlen – hauptsächlich Dank Dir – wissen was ich ankreuze

    herzliche Grüsse und bitte weiter so!

    Norbert

    1. Danke, Norbert, ich fühle mich richtig gut verstanden von Dir und freue mich riesig über die netten Zeilen aus dem Westen 😀 Liebe grüße nach Tirol! Regina

  3. Liebe Regina,
    was Du da machst ist ganz, ganz wunderbar! Ich kann Dich nur ganz herzlich beglückwünschen zu diesem Entschluss!
    Aber – wenn ich schon mal eine so offene Frau kontaktieren darf – der ‚Wahnsinn‘ geht weiter! Es ist nicht getan damit ausschließlich politisch bessere Bedingungen für die Menschen zu schaffen!
    Ich sags einmal ganz einfach: Wir alle bilden einen Kreis und jeder tritt den Vordermenschen in den Hintern, ohne zu merken, dass das der Grund ist, warum er selber getreten wird 😉
    Das Bisserl, das Du bei DEinen Praktika schon gesehen hast müsste reichen, tiefergreifendere gesellschaftliche Änderungen anzugehen.
    2 Beispiele:
    Die Altenpflege müsste nicht so eine Maloche sein, wenn die Menschen sich nur etwas anderes ernähren würden. Es ist unser aller Geburtsrecht lebenslang dauergesund zu sein! Dass das und wie das ganz einfach funktioniert, niemand weiß, ist ein Skandal!
    Die BH- Fertigung: Bitte, warum müssen Frauen wegen des Konsums so läppischer Teile andere Frauen, die lieber mit den Kindern spielen oder in der Hängematte liegen würden, in Fabrikshallen zwingen!?

    Liebe Regina, ich wünsch Dir noch viel Erfolg! Vielleicht kannst Du ja ein bisserl was von meiner ‚Absonderung‘ hier nachvollziehen. DASS es auch anders geht, beweise ich in großen Lebenssegmenten seit 20 Jahren. Die Frage ist nur: a) will man das überhaupt wissen und vermitteln und b) wie packt man so Unglaubliches an 😉

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