Stress am Morgen und Nahrung für den Müll

Vier Tage war ich in der Obst- und Gemüseabteilung.
Drei prägende Eindrücke will ich schildern:

1. Ab 5 Uhr morgens wird abgeladen, geschlichtet, eingeräumt, umsortiert, geschnitten,  gepresst, geputzt …… Schließlich wird um 7 Uhr aufgesperrt und da muss den KundInnen alles und der volle Service zur Verfügung stehen. Das bedeutet für die Frauen, die „vorne“ arbeiten, schwere Kisten zu heben und zu schleppen und alles so einzuräumen, dass der erste Anblick beim Reinkommen in den Markt immer ein erfreulicher ist. Also, immer. Die Frauen, die das Obst und Gemüse schneiden, pressen, die Salatbar herrichten, die Obstarragements für die Vitrine bestücken, dass sie auf engstem Raum mit hohem Tempo so arbeiten müssen, dass auch dort immer alles hübsch aussieht und voll bestückt ist.

2. Pause machen ist in dieser Zeit kaum möglich. Das heißt, einige arbeiten unter Stress 4-5 Stunden durch, ohne eine Chance, aufs Klo zu gehen, einen Kaffee zu trinken, oder sich auch nur kurz hinzusetzen. Man muss ja fertig werden und „der Kunde“ muss immer zufrieden sein. Dabei steht man in der Auslage, auch, wenn man nie weiß, wann man eigentlich von den Vorbeieilenden oder konzentriert nach der gwünschten Ware Suchenden wahrgenommen wird. Denn, das habe ich mehrmals erlebt, die KundInnen nehmen die Arbeit auf der anderen Seite kaum wahr. Und ich muss gestehen, solange ich nur als Kundin unterwegs war, war mir auch nicht bewusst, unter welchem Druck gearbeitet wird, damit die von mir gewünschte Ware ins Wagerl kommen kann.

3. Besonders intensiv war die Erfahrung des Nahrungsmittelmülls, den ich in diesen Tagen gezwungen war zu produzieren. Natürlich kannte ich schon die Bilder aus Dokumentationen und Berichten, aber so hautnah habe ich es vorher nicht erlebt. Allein beim Obst Portionieren müssen schon Säcke voll Gemüse- und Obststücken entsorgt werden, weil „der Kunde“ nur das Schönste sehen will. Und da darf dann kein braunes Pünktchen zu sehen sein, also lieber mehr als zu wenig wegschneiden. Denn eine Kundenreklamation – und es gibt wirklich pingelige und beschwerdefreudige Menschen – fällt auf die zurück, die das braune Pünktchen nicht weggeschnitten haben.
Abends müssen dann in allen Regalen und Körben die Früchte, die nicht mehr makellos aussehen, entsorgt werden. Teile gehen an die Tafel zur Weiterverwertung, ein wenig kann intern weiterverarbeitet werden, aber ein großer Teil muss entsorgt werden. Dabei ist es nicht so, dass das den Zuständigen kein Problem wäre. Hinderlich für eine sinnvolle Weiterverwertung sind zum Teil gesetzliche Rahmenbedingungen, zum Teil fehlende Logistik im weiterführenden Bereich außerhalb des Supermarkts und zum Teil fehlende Ideen, wie aus dieser katastrophalen und umfangreichen Vernichtung von wertvollen Nahrungsmitteln herauszukommen ist.
Die KonsumentInnen machen unheimlich viel Druck und offensichtlich gibt es so viele Nahrungsmittel im Überfluss, dass sich unsere Gesellschaft deren Vernichtung nicht nur leisten kann, sondern sie auch gerne im Kauf nimmt, um nur für das Schönste vom Schönen zu bezahlen.

Und jetzt schau ich mir mal an, wie die das in Belgien machen, wo eine Region ein gesetzliches Verbot gegen diese Art der Nahrungsmittelvernichtung erlassen hat.

 

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