Lernen durch Hackln oder gute Performance?

Unlängst erhielt ich eine E-Mail von jemandem, bei dem meine Jobtour nicht gut ankommt. Er schrieb:  „Ich glaube nicht, dass du in diesen Praktika wirklich die Härte der Arbeitswelt kennenlernst. Dazu bist du als zukünftige Politikerin zu exponiert, niemand wird dich hetzen und anschreien. Wäre eine schlechte Basis für eine zukünftig wichtige Person im Netzwerk der Firma. Also erlebe ich deine Aktion als naiv und ganz im Sinne einer Performance, etwas darstellen, was man nicht ist, um eine Botschaft zu vermitteln. In der Kunst ein legitimes Mittel, aber in der Politik?“  Da wurde mir wieder einmal bewusst, wie schwierig es mitunter ist, die Bedeutung meines „Lehrjahr“ für meine politische Arbeit verständlich zu machen.

Ich werde in meinen Jobs von niemandem angeschrien, die Menschen sind mir gegenüber höflich und es war noch niemand böse zu mir. Aber deswegen denke nicht, dass alle KollegInnen in ihren Jobs glücklich und zufrieden sind. Und natürlich komme ich überhaupt nur in Betrieben mit tendenziell angenehmem Klima unter, andere würden mich gar nicht hineinlassen. Ich bin aber nicht so naiv, das nicht unterscheiden zu können. Abgesehen davon, erlebe ich viel mit. Menschen können sich nicht einen ganzen Monat stundenlang verstellen. Natürlich stimmt es, dass ich nur einen Aussschnitt der verschiedenen Jobsituationen mitbekomme. Noch dazu bin ich in einigen Jobs nur halbtags tätig, erfahre also bestenfalls „die halbe
Härte“. Da ich mein halbes Leben als Beraterin, Supervisorin und pädagogische Referentin verbracht habe, bin ich auch schon geübt darin, die Zwischentöne und Schwingungen im Arbeitsalltag wahrzunehmen. Was dem Mailschreiber aber offensichtlich gar nicht in den Sinn gekommen ist, ist die Möglichkeit, dass ich auch einen realistischeren Zugang zu den Freuden, den schönen Herausforderungen und befriedigenden Momenten verschiedener Berufsfelder kennenlerne, die von außen  meist nicht so wahrnehmbar sind.

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Vielleicht ist eines noch zu wenig deutlich geworden: Den intensivsten Einblick in die Arbeitswelten bekomme ich in den Gesprächen mit meinen ArbeitskollegInnen. Und die sind durchaus auch tiefgehend, wenn man Tag für Tag stundenlang miteinander arbeitet; in den Kaffeepausen oder bei den RaucherInnen vor der Tür, beim Warten auf die Kundschaft und im Nachtdienst im Pflegeheim, in der Küche des Bauernhofs und beim Besteck-Einrollen im Gastrobetrieb. Ich lerne im Tun und beim gemeinsamen Arbeiten. Und mit jeder neuen Erfahrung erkenne ich auch, wie viel ich (noch) nicht erfahren habe.

Und ja: Ich brauche auch eine gute Performance, denn ich will ja all diese Erkenntnisse in gute politische Arbeit gießen. Und dafür muss ich erst mal gewählt werden. Aber meine Perfomance stellt nur das dar, was ich wirklich bin und spielt nichts Falsches vor. Mir ist es wichtig, dass erkennbar ist, wer dieser Mensch, wie diese Frau  in der Politikerin ist. Denn auch das beeinflusst das politische Handeln wesentlich.

Meine Erfahrung in diesen Monaten ist auch: Diejenigen, mit denen ich im Betrieb arbeite, freuen sich weitgehend über die Aufmerksamkeit und darüber, dass sie mir von ihren Sorgen, aber auch von ihren Freuden über ihren Beruf erzählen können. Diejenigen, denen mein Mit-Ihnen-Arbeiten in diesem Jahr gilt, sagen oft, nach einem Monat könne ich „besser mitreden“ und verstünde ihre Situation. Und das ist mir das Wichtigste an der ganzen Sache.
Ich mache aber auch die Erfahrung, dass es Intellektuellen, SchreibtischarbeiterInnen und PolitikerInnen, die seit Jahren keine andere als diese Perspektive kennen, oft schwer fällt, das zu verstehen.

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