Diversitätsalltag mit Aufmerksamkeitsplus

Es ist 6.50 Uhr, mein Dienst im Kindergarten beginnt. Eine Kollegin hat schon aufgesperrt, ihr Gruppenraum ist die erste Anlaufstelle für die Kinder, die vor 8 Uhr in den Kindergarten kommen. Ein Mädchen ist schon da. Ihre alleinerziehende Mutter arbeitet in einem Supermarkt und hat Frühdienst. Andere Kinder werden von Vätern oder Großmüttern gebracht. Sie kommen in unterschiedlichen Stimmungen, mit unterschiedlichen Trennungsritualen, mit oder ohne Frühstück im Bauch, im Wissen, vor dem Mittagessen oder als eines der letzten Kinder abgeholt zu werden.  Sie sind unterschiedlich alt, suchen ihre FreundInnen oder wollen lieber ihre Ruhe haben. Manche können sich gut ausdrücken, andere versuchen gerade, ihre ersten außerfamiliären Verständigungsmöglichkeiten auszuloten. Manche können schon Buchstaben schreiben, andere müssen gewickelt werden. Diversität ist ein zentrales Merkmal der Arbeit im Kindergarten und die große pädagogische Herausforderung.

Die Pädagoginnen – bitte sagt nie wieder „Tante“ ! – müssen sich in der Erfülllung ihres Bildungsauftrags tagtäglich dieser Herausforderung stellen. Das, was nach außen hin sichtbar ist, ist nur eine Seite der pädagogischen Arbeit. Die Zeichnungen und Basteleien, die Lieder und Gedichte, die Spiele und das aufgeschnittene Obst sind greifbare Produkte. Das, was dahinter steckt, ist aber der eigentliche Knackpunkt guter Pädagogik und wertvoller Bildungsarbeit.  Auch jede Handlung der Helferinnen, deren Aufgabe die Unterstützung in der Betreuung der Kinder ist,  hat pädagogische Wirkung. Denn die Kinder lernen, was sie erleben.

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Einige Beispiele aus dem  Arbeitsalltag im Kindergarten

* Dafür zu sorgen, dass zwanzig 2-6-Jährige so weit angezogen sind, dass sie in den Garten spielen gehen können, ist das eine.  Dabei in einer Weise zur Verfügung zu stehen, dass die Kinder lernen, möglichst viele Handgriffe selbst machen zu können und jene, die das noch nicht können, mit wertschätzenden Aufmunterungen in die richtige Richtung zu lenken, ist das andere.
* Ab 7 Uhr Früh Listen auszufüllen, welches Kind wie lange an diesem Tag da sein wird und für wie viele Kinder ein Mittagessen bereitstehen muss, wer krank ist und wer von jemandem anderen als gewöhnlich abgeholt wird, ist das eine. Gleichzeitig zu sehen, ob ein 2-Jähriges gerade wieder ein Regal ausräumt, ein 3-Jähriges kurz davor ist, in die Hose zu machen, zwei 4-Jährige am Beginn einer heftigen Auseinandersetzung über den Gebrauch eines Legosteins stehen und die ankommenden Kinder und Eltern, die an der Tür stehen, auch noch freundlich zu begrüßen, ist das andere.
* 25 Kinder dazu zu bringen, ihr Spielzeug wegzuräumen und mit den Sesseln einen Kreis zu bilden, in den sich sodann alle setzen, ist das eine. Gleichzeitig richtig zu reagieren, wenn sich ein Kind nach dem Klogang genüsslich nicht nur Hände, sondern auch gleich die Arme (und damit auch das Gewand) wäscht, und zu riechen, dass da ein Kind doch noch gewickelt gehört und sich dazu nicht ungeduldig zu äußern, ist das andere.
* Das Material für die von den Kindern selbst gebastelten Laternen herzurichten und darauf zu achten, dass letztlich alle  – auch jene, die schon einige Tage krank sind – ihre Laternen haben, ist das eine.  Gleichzeitig die richtigen Worte zu finden, wenn ein Kind dem anderen sagt: „Ich fahr auf Urlaub und du nicht, weil du keinen Papa hast“,  ist das andere.
* Weihnachtslieder und Muttertagsgedichte vorzubereiten und mit den Kindern zu lernen, ist das eine. Dabei zu berücksichtigen, dass in der Gruppe Kinder aus Familien unterschiedlicher Glaubensrichtungen sind und solche, für die das Weihnachtsfest keine Bedeutung hat und dass die Kinder in höchst unterschiedlichen familiären Realitäten leben und die Texte tunlichst nicht Geschlechtsrollen fixierend sind, ist das andere.

Gruppen im Raum

Detail am Rande: Eine echte Pause machen ist an so einem Kindergartentag praktisch nicht möglich.

Heuzutage KindergartenpädagogIn sein heißt, mit Diversitäten umgehen zu können und mit den Kindern eine Kultur zu entwickeln, in der sie mit all ihren Unterschiedlichkeiten einander wertschätzend begegnen. Es heißt, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und auf jedes Kind einfühlend eingehen zu können. Und es heißt,  auch den Eltern begreiflich zu machen, dass das Zusammenleben in einer Gruppe von so unterschiedlichen Kindern auch bedeutet, von eigenen Wünschen und Vorstellungen über die ideale Betreuung im Kindergarten loslassen zu können und darauf zu vertrauen, dass die Fachfrauen (und wenigen Fachmänner) das schon gut machen werden.

Unbegreiflich, dass KindergartenpädagogInnen gesellschaftlich nicht mit Hochachtung begegnet wird und dass Ämter und Vertreter verwundert sind, wenn ein Anruf am Vormittag nicht auch noch entgegengenommen werden kann.
Unverständlich, dass noch immer bis zu 25 Kinder in einer Gruppe gleichzeitig betreut werden und nicht selbstverständlicher Weise zwei Personen in einer Gruppe stehen. (Das ist in den Kindergartengesetzen geregelt, die von Bundesland zu Bundesland veschieden sind.)
Unlogisch, dass sich die Leistung, die die PädagogInnen erbringen, nicht in einem entsprechenden Gehalt niederschlägt.

Es gibt noch viel tun.

 

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