„Meine Mama ist so eine“

Ich spiele mit der siebenjährigen Yvonne (Name geändert), während mein Handy vibriert. Sie fragt mich, wer mich anrufen wollte und ich erkläre, dass das eine Frau war, die sich um Obdachlose kümmert. Yvonne sagt: „Die müssen in der Früh raus und dürfen erst am Abend wieder rein.“ Ich bin erstaunt, dass Yvonne so gut über die Rahmenbedingungen einer Obdachlosenherberge Bescheid weiß und sie erklärt mir: „Meine Mama ist so eine.“ Mir bleibt mal kurz die Spucke im Hals stecken. Ich frage mich, welches Bild dieses Mädchen von seiner Mutter hat und aus welchen Informationsfragmenten es sich zusammensetzt. Ich frage mich, ob das Obdachlosendasein das eine prägende und vorherrschende Bild ist, das dieses Kind gespeichert hat, oder ob es eines unter vielen ist. Ich frage mich, ob mir Yvonnes Geschwister ihre Mutter auch als „so eine“ beschreiben würden.

Welche Elternbilder tragen wohl andere Kinder, die hier im Kinderdorf leben, mit sich herum? In der Theorie und ganz allgemein wissen wir „Studierten und Informierten“ das ja. Wir lesen Fachartikel und sehen Dokumentationen und diskutieren Jugendwohlfahrtsmodelle und Sozialkonzepte. Aber wann erleben wir es schon, dass uns ein Kind ohne Umschweife erklärt: „Meine Mama ist so eine“, wenn es um das Leben von Obdachlosen geht, oder „Mein Papa ist auch dort“, wenn in einem Buch ein Gefängnis abgebildet ist, in das die Diebe und Räuber der Geschichte gesperrt werden?

Vor so einem Hintergrund wird deutlich, mit welch hoher fachlicher und persönlicher Kompetenz Kinderdorfmütter und -väter, Familien- und SozialpädagogInnen hier arbeiten. Denen darf die Spucke nicht im Hals stecken bleiben.  Sie geben den Kinder auch dadurch Halt, dass sie sogar vor dem Hintergrund solcher Situationen dem Leben der leiblichen Eltern mit Respekt begegnen. Respekt!

 

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