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Der Aufenthaltsraum als Dorfplatz

Im Rahmen meines Praktikums in einer kleinen Pflegeeinrichtungen in Steinbrunn im Nordburgenland habe ich diesmal Sonntagsdienst. Als ich um 7 Uhr eintreffe, sitzen die ersten Damen schon beim Frühstück. Bis die letzte eintrifft, wird es 9 Uhr sein, denn sie schläft gerne länger. In der Küche hängt eine Liste mit den individuellen Frühstücksplänen der Bewohner*innen: Brot – mit oder ohne Rinde -, Striezel, Semmel, Croissant, Butter, Marmelade, Rama, so hergerichtet, dass man es sich selbst am Tisch richten kann, oder bereits angefertigt servieren. Kein Frühstücksplan deckt sich ganz mit dem anderen, jede*r Bewohner*in hat eben andere Bedürfnisse. Bei einer steht: „Hat meistens etwas selbst.“ Der Grad der Selbstbestimmung ist hier sehr hoch. Ich frage mich, ob so etwas auch möglich ist, wenn in einer Einrichtung 80, 100 oder 120 Menschen betreut werden und eine zentrale Küche die volle Versorgung übernimmt.

Rituale beleben die Sinne
Um 9 Uhr gibt es das Angebot eines Wortgottesdienstes in der kleinen Kapelle des Hauses. Eine Bewohnerin mit ausgeprägter Demenz wird in dieser halben Stunde sprachlich aktiver als zu jedem anderen Zeitpunkt.

Erfahrung 4: Lebenslang praktizierte Rituale, Handbewegungen, Gebets- und Liedtexte finden für kurze Zeit ihren Weg an die mentale Oberfläche, wenn der besondere Rahmen dazu anregt.

Der Weg aus der Kapelle erinnert mich an den Weg der Menschen, die den Sonntagsgottesdienst der Pfarrkirche verlassen. Einige gehen nach Hause, andere zum Frühschoppen. Auch hier gehen einige auf ihr Zimmer und andere in den Aufenthaltsraum, der sich untertags zu einem Dorfplatz im Haus entwickelt.

Der Dorfplatz im Haus
Am Dorfplatz trifft man sich mit anderen, trinkt Kaffee, geht Essen, plaudert. Man beobachtet die anderen, wechselt auch mal den Ort zur Terrasse oder zum Kamin. Manchmal gibt es Unterhaltungsprogramm am Dorfplatz. Da waren etwa vor ein paar Tagen zwei „Rote Nasen-Clowns“ zu Besuch. Sie machten ihre Späße, sorgten für Abwechslung und Erheiterung und sangen Lieder, die den Bewohner*innen aus ihrer Kindheit und Jugendzeit bekannt waren. Und auch hier geschieht es, dass in sich Gekehrte plötzlich mitsingen.

Am Dorfplatz ist was los, und das nicht nur in einer Sprache. Deutsch, Kroatisch, Ungarisch und Arabisch hört man im Gemurmel der Plaudernden. Den ganzen Tag geht Besuch aus und ein, Angehörige, Nachbarn und Freundinnen kommen. Die meisten kennen den Hausbrauch schon gut, sie können die Kaffeemaschine bedienen und wissen, wo der Kühlschrank ist, in dem die Bewohner*innen ihre persönlichen Leckereien für eine Jause aufbewahren. Sie erkundigen sich bei anderen Bewohner*innen, wie es ihnen ginge und nehmen Anteil, wenn es Nachrichten aus der Familie gibt. Man kennt einander, die meisten Bewohner*innen sind aus Steinbrunn oder Ortschaften aus der Umgebung. Man hat gemeinsame Bekannte, manchmal auch eine gemeinsame Geschichte und immer wieder bissl Dorftratsch zu verbreiten. Auch die Enkelkinder erfreuen nicht nur die eigenen Familienmitglieder, sondern lachen jeder ins Gesicht, die gerade herschaut.

Erfahrung 5: Im Pflegeheim spielt sich auch teil-öffentliches Leben ab. Begegnungsmöglichkeiten in der Institution können einzelne Aspekte öffentlichen Lebens spiegeln und weiterhin erlebbar machen. Das wirkt einer Isolation und möglichen Hospitalisierung entgegen.

Erfahrung 6: Im Burgenland ist Mehrsprachigkeit auch im Pflegeheim üblich, auch wenn es nicht an die große Glocke gehängt wird.

Was ich von diesem Praxistag mitnehme:

  • Kleine Einheiten und die wertschätzende Einstellung des Personals ermöglichen einen hohen Grad an Selbstbestimmung der Bewohner*innen, unabhängig von ihrer Pflegestufe. Ich will mich erkundigen, ob diese Art der Pflege und Betreuung, die den Menschen in seinen individuellen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt, auch in großen Einrichtungen mit mehr als 60 Betten möglich ist.
  • Wohnortnahe Pflegeeinrichtungen ermöglichen die intensive Beziehungspflege der Pflegebedürftigen mit ihren Familienmitgliedern und Bekannten. Das hebt das Wohlbefinden und die Lebensqualität im Vergleich zu einem Unterbringungszustand, der lange Anfahrtswege für Besucher*innen erfordert.
  • Pflegekonzepte, die die Angehörigen einbeziehen und auf das Miteinander in der Pflegeinstitution Wert legen, sind auch für jene Heimbewohner*innen von Vorteil, die selbst weniger Besuch erhalten.

Im Pflegeheim – die Bewohner*innen als Spiegel des Teams

3. Juni, 6:30 Uhr. Dienstantritt im Altenwohn- und Pflegeheim in Steinbrunn. Es ist ruhig im Haus, die Leiterin begrüßt mich freundlich und zeigt mir, wo ich meine Sachen untertags ablegen kann. „Finde dich erst einmal ein, dann trinken wir miteinander Kaffee.“ Das ist keine Sonderbehandlung für eine „Promi-Praktikantin“, zur morgendlichen Besprechung bei der Dienst- übergabe wird gemeinsam Kaffee getrunken. Über jede*n einzelne Bewohner*in wird gesprochen: Hat sie ruhig geschlafen? Gab es Auffälligkeiten in der Nacht? Was muss die Pflegekraft für den Tagdienst wissen? Was mir auffällt: Eine Bewohnerin, die mehrmals aufgewacht ist, wird nicht als „mühsam“ oder „anstrengend“ beschrieben. Vielmehr wird
erzählt: „Frau X hat es heute nicht leicht gehabt in der Nacht.“ Immer wird die Situation der Bewohnerin aus deren Perspektive betrachtet. Sie wird nicht als „Fall“, sondern als Mensch gesehen, der selbst am meisten leidet, wenn er auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Erfahrung 1: Die Pflegenden lassen hier die ihnen anvertrauten Menschen auch in belastenden Situationen volle Wertschätzung spüren.

Frühstückszeit. Es gibt keinen Frühstückszeitpunkt, an dem alle gleichzeitig versorgt werden. Jede kann kommen, wann sie will. Jede*r Bewohner*in hat den eigenen Rhythmus. Die einen frühstücken lieber abgesondert, die anderen in Gesellschaft. Und alles ist gut. Niemandem wird eingeredet, was für sie oder ihn besser wäre. Das ist sicher der Vorteil eines kleinen Hauses wie diesem, das 16 pflegebedürftigen Menschen ein Zuhause bietet. Jeder Mensch wird als Individuum gesehen und nie nur als Teil eines Kollektivs.

Erfahrung 2: Es ist auch in einem Pflegeheim möglich, jeder Bewohnerin ihren individuellen Tagesrhythmus zuzugestehen.

Waschen. Die Haltung des Teams, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist, der absolute Respekt vor dem individuellen Lebens- und Entwicklungsweg ist den ganzen Tag über bei jeder betreuerischen und pflegerischen Handlung präsent. Ich darf dabei sein, wie ein
Patient, der sich seit langer Zeit im Wachkoma befindet, gewaschen wird, frisches Bettzeug überzogen und das Gewand gewechselt wird. Die Betreuerin macht das so liebevoll, mit Worten voll Zuwendung und Gesten der Herzlichkeit. Es berührt mich sehr, wie über das Gesicht des Bewohners ein Lächeln huscht.

Erfahrung 3: Ob sich ein Mensch ganz und liebevoll wahrgenommen fühlt, hängt nicht davon ab, ob er in den eigenen vier Wänden oder in
einem Pflegeheim lebt, sondern davon, wie ihm in jeder einzelnen
Handlung begegnet wird.

Beim Essen. Die Bewohner*innen sitzen um den Tisch zum Abendessen. Herr K. sitzt abseits, er ist demenzkrank und raunt schon einige Zeit lang vor sich hin. Er spricht in halben Sätzen, als würde er immer mit jemandem sprechen, es fallen auch Schimpfworte. „Ja, so ist er halt“, kommentieren andere und ich bin erstaunt, mit wieviel Gelassenheit die Mitbewohner*innen die Dauertiraden von Herrn K. annehmen. Frau F. ist demenzkrank und hat überhaupt keine Lust das zu essen, was ihr angeboten wird. Eine halbe Stunde versuche ich und einige Mitbewohnerinnen herauszufinden, was sie denn nun auf ihr Brot haben möchte, oder ob es überhaupt etwas anderes ist, das sie gerne will. Dabei erzählen mir zwei Frauen, dass Frau F. oft etwas anderes verlangt und das dann auch nicht isst. Erst als alle anderen schon auf ihre Zimmer gegangen sind und ich mehrere Versuche gestartet habe, das Richtige auf den Teller zu bringen, isst Frau F. etwas und nimmt dann noch ganz eigenständig ihr Medikament.
Beim Wegräumen und Saubermachen wird mir bewusst, wieviel
Geduld die Bewohner*innen füreinander aufbringen. Sowohl Herr K. und seine Schimpftiraden als auch Frau F. mit ihren zum Teil aggressiv geäußerten Forderungen, die niemand verstand, hätten den anderen auf die Nerven gehen können und heftige Unmutsäußerungen auslösen können. So hatte ich das jedenfalls schon erlebt. Aber hier scheint die Haltung des Respekts vor jedem Menschen und dessen Eigenheiten und Individualität, die die Heimleitung und das ganze Team leben, auf das Zusammenleben der Bewohner*innen auszustrahlen.

Erfahrung 4: Die Bewohner*innen spiegeln im Zusammenleben das, was sie selbst als Betreute erfahren.

Um 18.30 Uhr endet mein erster Dienst. Ich bin müde und um einige Erfahrungen reicher.

Was ich von meinem ersten Praxistag in die Politik mitnehme:

  1. Pflegeheime müssen die Möglichkeit haben, der guten
    Zusammenarbeit im Team einen hohen Stellenwert zu geben. Es braucht Zeit für Austausch und gegenseitige Unterstützung.
  2. Wenn es dem Team in einem Pflegeheim gut geht, dann hat das eine positive Wirkung auf das Wohlbefinden der Bewohner*innen und deren Umgang miteinander.
  3. Wer Zeit für Pausen hat, kann sich im Dienst ganz auf die zu pflegenden Menschen einlassen.

* Da die Mehrheit der Bewohner*innen weiblich sind, verwende ich hin und wieder zur besseren Lesbarkeit nur die weibliche Form.