Die Arbeit ist gut, aber der Lohn ist ein Hohn

3532 für die Semmeln, 3062 für den Kornspitz und 2428, wenn dieser mit Salz, Sesam, Sonnenblumen- oder Kürbiskernen bestreut ist – diese im Backshop eingeprägten Zahlen werden jäh verdrängt von 400 für den Häuptlsalat, 392 und 393 für frische Salatmischungen und – ich habs schon wieder vergessen, was für die Gurken an der Kassa einzugeben ist.  Die letzten zwei Tage verbrachte ich an eben diesem Arbeitsort. Endlich war ich die, die in so vielen Diskussionen und Kommentaren als Paradebeispiel für Niedriglohnempfängerinnen herhalten muss: eine Supermarktkassiererin. Warum gerade sie als Synonym für schlecht bewertete Arbeit herhalten muss, ist mir schleierhaft. Diese Tätigkeit ist, wie all die anderen,  die ich bislang beim MERKUR praktizieren durfte, eine mit Ansprüchen und Verantwortung,  die Geschick und Ambition verlangt. Und sie ist, wie all die anderen auch – schlecht bezahlt. Und das ist eine fürchterliche Ungerechtigkeit, die nicht dadurch geringer wird,  dass eh schon jedeR davon weiß. Im Gegenteil. KundInnen, oder anders gesagt : der KonsumentInnen-Markt erwartet und verlangt Leistungen, für die er nicht bereit ist zu zahlen. 30 Brotsorten und ebenso viele Backvarianten an Weckerln, Kipferln und Stangerln sollen stets frisch gebacken bereit liegen, Salate essfertig zubereitet, bis Ladenschluss die warme Stelze abholbereit und die 51. Fruchtjoghurt-Variante, die im Regal bei der Konkurrenz auf der anderen Seite des Kreisverkehrs gesichtet wurde,  stets greifbar, das muss schon sein, damit so eine Supermarktfiliale die vorgegebenen Umsatzziele erreicht. Kosten soll das alles wenig, denn die Zeiten werden ja schlechter, da will man für solche selbstverständlich gewordenen Leistungen nicht auch noch extra zahlen müssen.  Also wird dort eingespart,  wo es „der Kunde“ nicht merkt: am Personal und seinem Gehalt. Derartige Ansprüche stellende KundInnen begünstigen ein System, indem unter immensem Druck immer höhere Zielvorgaben erreicht werden  müssen.

Die Arbeit ist gut, aber der Lohn ist ein Hohn. Und wer bei der nächsten Debatte zu Bio-Kost oder fair gehandelten Waren als grundsätzliches Gegenargument einbringt, dass sich das eine Supermarkt-Kassiererin nicht leisten könne, soll doch bitte in Erwägung ziehen, dass das gesellschaftliche und politische Ziel sein sollte, DASS sie es sich leisten kann. 20-Stunden-Jobs, die auch bei ambitioniertem Einsatz nicht einmal 600 Euro einbringen, sind ein Armutszeugnis für die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik einer Wohlstandsgesellschaft.

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