Ich habe einige enttäuscht

Am Ende meines Angestellten-Daseins bei MERKUR ist es nicht mehr zu übersehen: Ich habe einige Blog-LeserInnen ziemlich enttäuscht. Ihnen fehlt die umfassende Konzernkritik, das Aufdecken von Missständen im REWE-Konzern und das Anprangern von bedenklichen Arbeitsverhältnissen im Handel. Sie haben sich erwartet, dass ich jede Woche mit der neuen Aufdeck-Geschichte aufwarten werde und es „denen dort oben“ so richtig-  öffentlich ! – reinsage. Das habe ich nicht getan.  Das hat folgende Gründe:

Zum ersten habe ich mein „Lehrjahr“ deklarierterweise als interessierte, neugierige Arbeitnehmerin angetreten, die genau diese Perspektive am eigenen Leib erleben möchte. Ich habe meinen potentiellen ArbeitsgeberInnen zugesagt – und auch das habe ich von Beginn an öffentlich deklariert, dass ich ihnen nicht medial in den Rücken fallen werde, sollten sie mir die Möglichkeit des monatigen Arbeitens in ihrem Betrieb ermöglichen. Ich stehe zu dem, was ich sage und bei mir kann man sich darauf verlassen, dass ich das, was ich sage, auch mache. Und daran möchte ich auch in Zukunft nichts ändern, nur um eventuell noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Zum zweiten bin ich eben ein politischer Mensch und möchte gestalten und verändern. Also habe ich das, was mir im Laufe meiner Tätigkeit in einer MERKUR-Filiale aufgefallen ist, meine Fragen und Überlegungen direkt mit dem Marktleiter besprochen. Er ist es ja, der Veränderungen in die Wege leiten kann. Und siehe da, er hatte großes Interesse daran und suchte von sich aus das regelmäßige Gespräch darüber mit mir. Ich bin überzeugt davon, dass diese Vorgangsweise für die betroffenen Angestellten mehr bringt, als die Liste meiner Beobachtungen im Blog zu veröffentlichen und damit den Marktleiter in eine Verteidigungposition zu bringen. Diese Überzeugung hat sich übrigens in Einzelfällen schon bestätigt.  Ich bin Politikerin, ich will Veränderungen intiieren, Ungerechtigkeiten aus der Welt schaffen und Dinge zum Besseren gestalten. Ginge es mir nur ums Aufdecken, wäre ich Journalistin geworden geworden.

Zum dritten gibt es Ungerechtigkeiten und Unsinnigkeiten im System. Der Adressat für diese Erkenntnisse ist der Konzern. Und auch hier habe ich beispielsweise mit einem MERKUR-Vorstandsmitglied direkt gesprochen, weil nur das echte Veränderungen ermöglicht. Anders ist es mit den Systemveränderungen, die von der Politik gestaltet werden müssen, wie Mindestlohn, Überstundenbesteuerung, Arbeitszeitgesetz, Müllverordnungen, Verhinderung von Nahrungsmittelvernichtung usw. Dazu äußere ich mich öffentlich und hoffe, dass das redaktionell aufgenommen, verbreitet und zitiert wird. Und natürlich bringe ich das im Rahmen meiner Möglichkeiten in den politischen Diskurs und in Verhandlungen ein.

Ein wesentlicher Punkt meines Lehrjahrs ist aber, dass ich unter anderem aus meiner früheren beruflichen Tätigkeit (Supervision, Organisationsbeobachtung, pädagogische Beratung, Bildungsarbeit) weiß, dass man aus der Erfahrung des selbst Erlebten heraus anders arbeitet. In meinen Fall, dass ich anders Politik mache, als all jene, die sich seit Jahren und Jahrzehnten ausschließlich auf dem politischen Parkett bewegen, die nahezu ihr gesamtes Leben innerhalb einer (Partei-) politischen Blase verbringen und die Arbeitswelt der anderen nur mehr von Fototerminen und Polit-Smalltalks kennen.

Jetzt mögen etliche einwenden, dass es naiv sei, mit so einer Haltung WählerInnenstimmen zu bekommen, und natürlich geht es auch darum. Denn ich werde in der Politik nur dann mehr Einfluss bekommen, wenn ich auch ein gutes Wahlergebnis einfahre und die Grünen im Burgenland bei der kommenden Landtagswahl an Stimmen ordentlichen zulegen können. Jene bitte ich zu überlegen, ob es nicht auch möglich wäre, dass WählerInnen eben genau das gefällt: dass da eine  „Politik von unten“, macht, aus dem Alltag heraus und aufgrund des über Monate hin gestalteten, wirklich persönlichen Kontakts mit „ganz normalen Menschen“. Mag sein, dass das auch ein wenig naiv ist. Wenn ich mir aber das Gehabe und Getue auf dem hohen Politparkett im Burgenland anschaue, dann wäre ein Hauch dieser Art von Naivität doch schon höchst notwendig und erfrischend, oder?

Ein Gedanke zu „Ich habe einige enttäuscht“

  1. Ihre Initiative und Formulierungen bzw. Erklärungen gefallen mir sehr gut weil Sie es auf den Punkt bringen mit ihrem Einsatz in der Arbeitswelt und vor allem ihr diplomatisches Geschick. Ich denke nicht das Sie ihre Wähler enttäuschen sondern dass einige Synapsen angeregt werden sich selbst zu überdenken. Danke für ihren Beitrag! Freundliche Grüße, Jürgen Schuster

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