In der Küche ist der Koch der Chef

Wer welchen Handgriff in der Küche macht, teilt der Chefkoch ein und er beurteilt, ob die Handgriffe richtig gemacht werden. Die Lokalchefin respektiert das, weil sie weiß, dass auf diese Weise in der Küche alles funktioniert. Draußen, im Service, sagt die Chefin, was gilt und welche Handlungen Priorität haben. Und dann gibt es wieder Bereiche, in denen jedeR MitarbeiterIn selbst entscheidet, was gerade zu tun ist. Außer in der Küche. Da bestimmt der Koch.

Diese Erfahrungen erinnern mich an einen Projektmanagement-Lehrgang, den ich absolviert habe. Da gab es einen Projekttag, an dem die Lehrgangsgruppe die Aufgabe hatte, ein dreigängiges Menü für ein feines Essen zu bereiten. Wir mussten als Gruppe von Beginn an alles selbst organisieren: Menüplan, Einkauf, Kochabläufe, Tischaufstellung, Dekoration,  Abwasch etc. Ich galt in dieser Gruppe eher als „Führungspersönlichkeit“. Ich brachte im Laufe des Lehrgangs oft Vorschläge ein, ergriff das Wort in Diskussionen, wurde initiativ, wenn es Probleme zu lösen galt. (Manchen vielleicht etwas zu initiativ, aber das ist eine andere Geschichte.) Am Kochtag war das anders. Bei der ersten Planungsrunde war ich noch gestalterisch unterwegs, aber je konkreter es an die Kochabläufe ging, desto angepasster wurde ich. Sobald wir uns in der Küche befanden, erfüllte ich nur mehr Aufträge – und das sehr gerne, weil ich im Kochen nicht meine Stärke sah. Eigeninitiativ war ich, wenn der Boden verpickt war oder Schnittreste herumlagen. Dann wischte und putzte ich schnell, damit die anderen mit ihren Kochkünsten gut weitermachen konnten. Beides übernahm ich je nach Situation gerne: die Rolle der gestaltenden, initiativen, beeinflussenden Führungsperson und die Position der Aufträge ausfüllenden, hinterher putzenen, „untergeordneten“ Hilfskraft.

Heute, als ich wieder einmal vom Koch in einer bestimmten Handlung Anweisungen bekam, kam mir Gedanke, dass vielleicht auch darin ein Schlüssel dazu liegt, wie wir gute Politik machen könnten: zwischen den verschiedenen Rollen und Funktionen zu switchen. Auch politische Organisationen und Gremien, auch Landtage und Regierungen sollten in ihrer Rollenaufteilung nicht starr sein. Um es pointiert ausdrückend: Hier die Bestimmenden und da die untertänigen MitläuferInnen. Hier ein starker Mann oder eine starke Frau, die einfordert, dass letztlich alles so geschieht, wie sie oder er es gebietet und da die ZuträgerInnen, HandheberInnen und UnterlagenbringerInnen. Alle müssen mehrere Rollen spielen, mehrere Funktionen erfüllen können, damit das System nicht starr wird.

In einer Ausbildung in psychoanalytischer Organisationsbeobachtung lernte ich, dass nur jemand gut führen kann, wenn er/sie sich auch selbst gut führen lassen kann.  Ich lege das mal auch auf die Politik um. Möglicherweise kann nur dann jemand gut für Menschen politische Entscheidungen treffen, wenn er oder sie sich von diesen Menschen in anderen Situationen etwas sagen lassen und deren Entscheidungen akzeptieren kann. Und vielleicht ist es darum für leitende, gestaltende, entscheidene Personen wichtig, sich immer wieder in Situationen zu begeben, in denen sie einfach das tun müssen, was eine/e andere/r für sie entschieden hat. Und das dann selbstverständlicherweise akzeptieren und tun.

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