Wahrgenommen wird, wer kassiert

Ich frage mich seit einiger Zeit, warum sich’s die Medien immer so auf das Bild „Petrik als Supermaktkassiererin“ stehen und warum die Kassierin zum Sinnbild für Niedriglohn geworden ist. In meinem jetzigen Job fällt mir auf, dass ich als Servierkraft hohe Aufmerksamtkeit genieße und sich Gäste besonders freuen, wenn ich auch kassieren komme.  Das könnte zur Schlussfolgerung führen, dass im Handel und in der Gastronomie jene Arbeitsnehmerinnen mehr Aufmerksamkeit genießen, mit denen KundInnen und Gäste ihr Geschäft letztlich abschließen. Wer das Geld in die Hand nimmt, ist eben interessanter als diejenigen, die die „Vorarbeit“ für den Geschäftsabschluss leisten. Das ist die eine Erklärung.

Ich erinnere mich gut an die Erfahrung, als ich beim Merkur in der Obst- und Gemüsekoje stand und mit den Kolleginnen Gemüse geschnitten, Obst gepresst und Ware etikerttiert habe. Wir standen die ganze Zeit in der Auslage. Es gab keine Möglichkeit, sich einmal eine Minute hinzusetzen. Jeder Handgriff, den wir dort taten, konnte von den KundInnen beobachtet werden. Allein, wir als arbeitende Personen schienen kaum jemandem aufzufallen. Die Einkaufenden sind so darauf konzentriert, ihre Waren auszusuchen, dass sie, vor uns stehend, uns gar nicht wahrgenommen haben. Niemand musste uns ins Gesicht schauen, um seinen Obstsalat, die soeben abgepackte Gemüsemischung oder den frisch gepressten Fruchtsaft zu finden. Wir waren zu 100% anwesend und sichtbar und wurden doch meist übersehen. Etliche Bekannte sind in diesen Tagen an mir vorbeigegangen und haben mir später erzählt, sie wären einkaufen gewesen und hätten mich nirgendwo gesehen.

In der Erinnerung an diese Szenen habe ich eine andere Erklärung dafür gefunden, warum eine Unmenge an Tätigkeiten im Arbeitsprozess, warum viele Arbeitende nicht wahrgenommen werden. Es ist vielleicht nicht der Kontakt mit Geld, der einen bemerkbar macht, es ist der perönliche Kontakt. Im Supermarkt ist man an der Kassa genötigt, mit der Kassiererin in Kommuniokation zu treten. Sogar bei der Wurst und im Backshop kann einE KundIn sich bedienen lassen, ohne der Bedienenden in die Augen zu schauen. Bei der Kasse ist der Sichtkontakt unausweichlich. Es gibt immer den Augenblick des ganz individuellen Kontakts. Und hier wird eine Person als arbeitend wahrgenommen. Auch beim Servieren und Kassieren bin ich deutlich sichtbar. Aber die Kollegin, die die Teller wäscht, ist für niemanden sichtbar. Aber es gibt sie auch.

Auch in der Politik sind wir mit der Frage der Sichtbarkeit konfrontiert. Sieht man jemanden oft, dann wird ihm oder ihr zugeschrieben, er oder sie würde viel arbeiten. Arbeitet jemanden im Hintergrund, zum Beispiel in der Recherche oder beim Ausarbeiten neuer Konzepte und Gesetzesvorschläge, in Verhandlungen oder Gesprächen mit Organisationen der Zivigesellschaft, dann ist diese Arbeit nicht sichtbar. Ob jemand gesehen wird oder nicht sagt noch nichts, aber so überhaupt nichts darüber aus, wieviel diese Person arbeitet oder gar, welchen Wert die Arbeit dieser Person hat.  ´Das gilt für die Politik, für den Handel, für die Gastronomie und für die meisten anderen Arbeitsfelder. Ich will mir das immer wieder bewusst machen. Es ist eine Sache der Fairness.

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