Aushalten und Halt geben

M. ist heute gut drauf. Sie hat schon ohne große Widerstände zwei Becher Saft getrunken und mit dem Ausscheiden klappt es auch. Die Prozedur ist halt eine langwierige, aber schlussendlich ist alles rein. Wenn ich mich eingehend mit ihr beschäftige, ist sie zufrieden und lächelt mich auch mal an. Wenn ich mich von ihr wegbewege, fängt sie nach kurzer Zeit zu jammern an. Und M. kann sehr lautstark jammern. Das Essen ist halt sehr aufwändig. Das Marmeladekipferl erreicht nur zum Teil seinen Bestimmungsort, Hände, Mund und Tisch sind bei M.s Essverhalten meist verpickt. Aber nur der Reinlichkeit wegen ein trockenes Kipferl zur Vormittagsjause zu füttern, will ich ihr auch nicht antun. Da putze ich lieber zwischendurch.  Ich bin in dieser Szene, die von außen wie eine langweilige, wenig fordernde Alltagssequenz aussieht, hoch konzentriert. Denn wenn etwas nicht so läuft, wie sie es will, dann kann M. sehr ärgerlich werden. Aber ich bin bereit, alles zu tun, was mir möglich ist, damit M. einen zufriedenen Tag verbringen kann.
Das Achten auf ausreichendes Essen und Trinken, das Kontrollieren der Ausscheidungen, wickeln, sich beschäftigen, trösten, nicht zu lange wegbleiben, schauen, dass alles sauber ist, wenn Besuch kommt, streicheln, hoffen, dass die Schmerzen nicht zu schlimm sind, halten und sie sogar einmal zum Lachen bringen …. all das erinnert mich an den Alltag mit einem Kleinkind. Aber Frau M. ist 93 Jahre alt. Sie gibt jenen, die sie betreuen nicht die Aussicht auf eine Entwicklung hin zur Selbständigkeit, sie kann sich an die vergnügte Zeit, die ich ihr bereitet habe, schon wenige Minuten danach nicht mehr erinnern. Umso mehr hilft mir der von M. geäußerte Satz – während sie ein kurzes Lächeln über die Lippen und wie ich meine wahrzunehmen auch aus den Augen blitzen lässt –  „Sie san a Nette“ über die immer gleichen Handlungsabläufe hinweg, in denen kaum Emotionen spürbar sind.
Wie froh bin ich, dass Frau K. und Herr P. mit weniger Aufmerksamkeit durch den Tag kommen. Eine halbe Stunde Körperpflege pro Vormittag und Person müssen schon sein, einige müssen gefüttert werden, aber die meisten BewohnerInnen brauchen keine Einzelbetreuung. Bei Frau W., die fast taub und eine Alzheimer-Patientin ist,  müssen wir aufpassen, dass sie nicht davonläuft oder sich im WC einsperrt. Herr L. ist zwar selbständig, tut sich aber mitunter schwer damit, sich an Regeln zu halten – auch, was das Einhalten der Grenzen gegenüber MitbewohnerInnen betrifft. Herr B. wiederum bestellt sich jeden Tag Menü I und will dann doch (auch) Menü II serviert bekommen; oder umgekehrt. Und wehe, es passiert nicht, was er will, dann spielts Granada. Frau G. beschwert sich nie beim Essen, solange sie immer etwas dabei hat, mit dem sie ihre Hendln unter dem Tisch füttern kann. Frau R. wiederum ist nur körperlich schwer beeinträchigt, sieht sich im Fernsehen gerne „Hohes Haus“ an und hätte so gerne GesprächspartnerInnen, mit denen sie sich austauschen kann. Aber sie kann noch sprechen. Frau F. kann das nicht mehr, weil sie über weite Teile ihres Körpers gelähmt ist. Aber sie ist geistig noch ganz da. Sie kann es nur nicht wirklich zeigen.

Nach meiner ersten Woche als Pflegepraktikantin habe ich den Eindruck, dass die wirklich großen Leistungen des Pflegepersonals darin liegen,  eben solche Situationen Tag für Tag und Nacht für Nacht auszuhalten. Und mit aushalten meine ich, dass in jeder noch so schweren Situation den betreuten Menschen Halt gegeben wird, dass eine Grundhaltung von Zuwendung und Zuversicht gelebt wird. Auch und gerade wenn  Sätze wie „Es wird ja wieder gut“ völlig unangebracht sind. Es wird nicht mehr gut. Alle Beteiligten wissen das. Das kostet Kraft und Energie. Pflegen heißt, das nicht-mehr-wieder-gut-Werden zu akzeptieren und dem Leben in dieser Phase seinen besonderen Wert zu geben.  Das sind immense Herausforderungen, und das Meistern dieser Herausforderungen wird in unserer Gesellschaft wenig Wert-geschätzt. Wundert es da einen, wenn es schwer ist, dafür genügend gutes Personal zu finden?

5 Gedanken zu „Aushalten und Halt geben“

  1. danke für den berührenden Einblick in den Pflege beruf.
    bin gerade am weg in meinen 24 h dienst in einer sozial pädagogischen wg.
    lieben Gruß susanne

  2. Liebe Regina, du hast meinen großen Respekt.
    Nicht nur für deine Arbeit, für die sowieso , sondern auch für die wunderbaren Texte durch die du mit uns deine Erfahrungen teilst. Ich bin dir sehr dankbar dafür, denn vieles kenne ich nur vom „Hörensagen “ und aus der Ferne.
    Ich weiß , dass diese Monate für dich unglaublich anstengend sind, ständiger Wechsel , immer Neues, immer das Beste geben wollen ( und müssen ) . Das bedarf unglaublicher Flexibilität und enormer Engerie. Dafür bewundere ich dich und beneide dich gleichzeitig um diese Vielfalt an Erfahrungen .

    1. Liebe Terezija, ich kann dir versichern, ich habe noch keinen Tag bereut, mich für dieses Lehrjahr entschieden zu haben. Danke für deinen Zuspruch! Regina

  3. Fühle ,spüre und denke mit ihnen wie es ihnen dabei ergangen ist. Auch ich habe voriges Jahr mein erstes Pflegepraktikum mit viel Freude absolviert. Es kommt sehr viel Empathie und Dankbarkeit von den Heimbewohnern zurück. Bewundere ihren Mut und Einsatz , Menschen in vielen Bereichen ihres Lebens kennen zu lernen.
    Wünsche ihnen viel Kraft ,Liebe ,Leichtigkeit ,Leidenschaft für ihren weitern Lebensweg.

    1. Danke schön, Frau Horvath, für Ihr Mitfühlen, Mitspüren und Mitdenken. Auch das gibt mir Kraft und Energie! Regina Petrik

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