VORNE UND HINTEN. Ein Exkurs am Fronleichnamstag.

Ich gehe seit meiner Kindheit regelmäßig bei Fronleichnamsprozessionen mit. Als Christin finde ich die Grundidee gar nicht so schlecht, einmal im Jahr als Pfarrgemeinde auch jenen, die sonst mit Kirche nichts am Hut haben, zu zeigen, dass es da welche gibt, die an Gott und den auferstandenen Christus glauben. Mit der Form dieser Demonstration tu ich mir zunehmend schwerer. Als Jugendliche konnte ich mich schon in meiner Heimatpfarre in Wien nicht damit durchsetzen, bei der Fronleichmansprozession mit Transparenten mitzugehen. Ich fand damals, für uns Jugendliche und auch für die Kinder wäre es eine zeitgemäße Form gewesen, die christlichen Befreiungsbotschaften deutlicher herzuzeigen. Die Monstranz allein schien mir zu wenig verstanden zu werden.  Das ist auch schon wieder viele Jahre her,  mein Unbehagen hat sich seither verstärkt und erreicht einen neue Facette, da ich nun politische Funktionsträgerin bin. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ich versuche es zu erklären und hoffe, mich in der Kürze eines Blogs verständlich machen zu können:

Wenn ich die (ländlichen) Fronleichmansprozessionen betrachte, dann wird mir eine Diskrepanz unangenehm bewusst. Während es in der Bibel nur eine Hierarchisierung gibt, nämlich „Einer sei euer Meister, Christus, ihr alle aber seid Geschwister“, zementieren traditionelle Fronleichnamsprozessionen mit ihren Umzugseinteilungen sowohl Rollenbilder alsauch gesellschaftliche Rangordnungen. Die Männer vor den Frauen,  ganz vorne – dem „Himmel“ nahe – Bürgermeister und GemeinderätInnen, Kinder als Aufputz vorneweg. Die ganz modernen Familien gehen als Zeichen ihres Protests gegen das Aufgeteilt- und Getrenntwerden mit ihren Kinderwagerln hinten nach.  Ich selbst habe durch verschiedene Gestaltungselemente immer wieder  versucht, diese traditionellen Strukturen aufzubrechen und neue Akzente dagegen zu setzen. Aber seit ich als Gemeinderätin zu den in der gesellschaftlichen Rangordnung weiter oben Angesiedelten gehöre, habe ich massive Schwierigkeiten. Es widerspricht meinem Glauben und meiner Auffassung von christlicher Gemeinde, dass politische Hierarchien im Rahmen von Glaubensfeiern eine Rolle spielen.  Ich will nicht in Gottesdiensten, die ich jahrelang als Gemeindemitglied mitgefeiert habe, plötzlich als etwas Besonderes angesehen werden, nur weil ich ein politischen Amt innehabe. Das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun. Als Katholikin weigert sich etwas in mir, diesem Streben nach der Huldigung der „Oberen“ durch die „Unteren“ beizuwohnen, rollenspielartiger Teil davon zu werden.  In einem Gottesdienst muss es völlig egal sein, welche Rolle jemand im gesellschaftlichen Leben oder auf dem politischen Parkett spielt. Da darf es kein „oben“ und „unten“ geben. Das ist schon im allgemeinen öffentlichen Leben für mich oft schwer auszuhalten, weil sich jene, die sich zu „denen da unten“ zählen, damit selbst erniedrigen und jene, die zu „denen da oben“ gezählt werden unnötig wichtig nehmen. Als Glaubende will ich meinen Glauben mit anderen im Gottesdienst teilen, und da ist keine und keiner wichtiger als die anderen. Dieser Zugang könnte doch auch im gesellschaftlichen Leben einmal angedacht werden, finde ich.

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