Ein Aufdeck-Dilemma

Ich erfahre ja so einiges in meinem Lehrjahr, auch außerhalb der  konkreten Betriebe, in denen ich arbeite.  Zum Beispiel darüber, was ein wirkliches Ärgernis in der Gastronomie ist, für DienstnehmerInnen ebenso wie für anständige DienstgeberInnen. Das sind nämlich jene Betriebe, die ihre Arbeitskräfte nicht oder nur mangelhaft anmelden. Es sind jene, die Steuern und Sozialversicherungsabgaben hinterziehen, weil sie ihr Personal schwarz arbeiten lassen oder für wesentlich weniger Stunden anmelden, als es der realen Arbeitszeit entspricht. Natürlich erfahre ich diese Dinge immer nur unter der Hand und mit der dringenden Bitte, nicht zu verraten, von wem ich diese Information habe. Ich werde sogar häufig explizit gebeten, nichts zu unternehmen, denn die  Betroffenen fürchten um ihren Arbeitsplatz, wenn herauskäme, dass sie „geplaudert“ hätten. Täten sie dies nicht, hätten sie sich schon längst selbst lautstark beschwert. Abgesehen vom zum System gewordenen Betrug werden hier DienstnehmerInnen genötigt, zu unrechtmäßigen Zuständen zu schweigen.

Ebenso zum Schweigen genötigt sind die vielen Angestellten, die angeblich „freiwillig“ Vereinbarungen unterschreiben, beispielsweise im Handel, wenn es um das Arbeiten an Samstagen geht. Natürlich müssen sie nicht einverstanden sein, jederzeit zur Samstagsarbeit eingeteilt zu werden. Natürlich können sie auch einfach abwarten, bis sie – bei Weigerung das zu tun – gekündigt werden.

Eine andere alltägliche Nötigung muss zwar nicht unbedingt verschwiegen werden, ist aber nicht weniger skandalös. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die einer bestimmten Partei beitreten mussten, um einen Job, eine Beförderung oder eine Wohnung zu  bekommen. Ich habe schon Listen angelegt. Ich weiß, welcher Bürgermeister Bewerberinnen für einen von der Gemeinde ausgeschriebenen Posten ein Parteibeitrittsformular hinlegt, bevor er ihnen den Job zusagt. Mir sind einige konkrete Fälle bekannt, in denen in landeseigenen Betrieben und solchen mit Landesbeteiligungen Angestellten eine Besserstellung zugesichert wurde, wenn sie zeigen würden, zu wem sie gehörten. „Und du weißt ja, was ich meine.“ Und alle, die mir das erzählen – von sich selbst, von Töchtern, Söhnen, Freunden oder Freundinnen – bitten mich, diese Information nicht weiter zu verwenden. Sie haben schlichtweg Angst.

Ich bin in einem Dilemma. Natürlich sollte und will ich Aufdecken, wo derartige Nötigungen passieren, wo Finanzamt und Sozialversicherungsträger betrogen werden, wo Menschen gezwungen werden, entgegen ihren persönlichen weltanschaulichen oder politischen Einstellungen Position zu beziehen, wo erzwungene Parteizugehörigkeit (mit entsprechender Beitragszahlung) vor jeder Qualifikation entscheidend ist. Aber ich wurde gebeten, das alles für mich zu behalten, ich solle es „nur wissen“. Ich soll nichts und niemanden verraten, weil ich einzelnen damit schaden könnte. Ich will aufdecken, aber wäre es nicht unmoralisch, andere damit in (Job-)Gefahr zu bringen?

Und so können skandalöse Zustände bestehen bleiben, weil sich einzelne nicht getrauen, die Wahrheit zu sagen. Während woanders Menschen ihr Leben riskieren, weil sie für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen, müssen sich Menschen bei uns vor Jobverlust fürchten, weil sie im Arbeitsleben demokratische Freiheit und das Einhalten von Recht einfordern. Ich denke, dass wir uns auch in dieser Angelegenheit vom individuellen Kampf weg hin zur gemeinsamen Aktion bewegen müssen, um Veränderungen zu erreichen. Dazu müssten aber viele bereit sein, sich gemeinsam zu wehren.  Gerade auch, was die Parteibuchwirtschaft betrifft.

Sachdienliche Hinweise und persönliche Stellungnahmen nehme ich gerne entgegen, auch per E-Mail (regina.petrik@gruene.at) oder per sms (0664/1164633).

2 Gedanken zu „Ein Aufdeck-Dilemma“

  1. Ich find das ganz grossartig was Du machst. Hab zwar schon laenger aufgehoert gruen zu waehlen, aber mit Dir als Spitzenkandidatin wuerd ichs mir doch wieder ueberlegen.

    Bitte weiter so!

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