Politikverdrossene Jugend?

Was ich in diesen Monaten so sehr genieße, ist der persönliche und unmittelbare Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen. Manche von ihnen beeindrucken mich besonders.

Da ist zum Beispiel eine 16-Jährige, die von klimafreundlicher Landwirtschaft  mehr versteht als die meisten Erwachsenen und die sich eigenständig über die politischen Zusammenhänge informiert, noch bevor sie selbst mitwählen darf. Die sich vornimmt, sich von einem Lehrlingseinkommen möglichst biologisch zu ernähren und einen nachhaltigen Lebensstil zu gestalten. Es wird wohl knapp werden mit den ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen – aber sie versucht es. Ich habe große Hochachtung vor ihr.

Und da ist eine 13-Jährige, die bei einem Gewinnspiel mitmacht, bei dem man sich am Grünen Messestand aussuchen kann, ob man das neue Kochbuch von Rudi Anschober oder jenes mit dem Titel „Das grüne Wirtschaftswunder“ gewinnen möchte, oder doch lieber „Supermarkt Europa“ von Michel Reimon und Robert Misik.  Die Mutter möchte das Kochbuch, die Tochter interessiert sich mehr für das Wirtschaftswunder. Nachdem ich anbiete, zwei Gewinnkarten auszufüllen, überlegt sie nochmal, weil eigentlich will sie „Supermarkt Europa“ auch lesen. Nein, das war kein Tippfehler, das Mädchen ist 13 Jahre alt und ich schicke ihr jetzt den gewünschten Lesestoff außer Konkurrenz mit der Post, denn ich bin einfach beeindruckt von diesem neu-gierigen Interesse.

Oder der 14-Jährige, der mit mir über den Nah-Ost-Konflikt diskutieren will und mir zwischendurch immer wieder mal eine sms schickt, um sich mit mir über politische Fragen auszutauschen.
Und da wäre auch noch der 18-Jährige, der mir, während ich bei  seinen Eltern zum Abendessen eingeladen bin,  in Bezug auf ein tagespolitisches Thema erläutert, wie verschieden dieses in unterschiedlichen Tages- und Wochenzeitungen kommentiert wird. Er hat sie alle gelesen, zum Teil online.

Vor diesem Hintergrund empfinde ich die Debatten um eine angeblich ansteigende Politikverdrossenheit „der Jugend“ als teilweise aggressiven Akt von dem Jugendalter längst Entwachsenen, die es nicht auf die Reihe bringen, ihresgleichen zu politischem Handeln und demokratischer Mitgestaltung zu motivieren. Die breite Masse der Jugendlichen und die breite Masse der Erwachsenen scheinen da durchaus ähnlich zu ticken. Was ich jedoch sehr häufig beobachte, ist eine „Politikerverdrossenheit“.  Daran sollten wir arbeiten. Es wird uns manchmal in der Tat wirklich schwer gemacht, aber da müssen wir durch. Jeder Politiker und jede Politikerin. Das können wir nicht auf andere schieben, das müssen wir schon selbst machen.

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