Lernen – Leistung – Lebendigkeit

Es vergeht keine Bildungsdiskussion, in der nicht die Frage gestellt wird, warum unseren Kindern in ihrer Bildungslaufbahn die Freude am Lernen so schnell ausgetrieben wird. Ab dann teilen sich die Meinungen in zwei entgegengesetzte Richtungen. Die einen sagen, es läge an unserem Schulsystem, das Entfaltung und Spaß am Lernen erschwert und die anderen meinen, von den Kindern würde immer weniger abverlangt und daher brächten sie keine Leistungen mehr. Da ich selbst Bildungswissenschafterin und Mutter dreier durch das Schulsystem geschleuster Kinder bin, habe ich für mich eine theorie- und praxisgestützte Erkenntnis: Unser Schulsystem ist deswegen so unbeweglich, weil es in einer Gesellschaft besteht, für die Leistung Erbringen einerseits und Lust und Freude andererseits als Gegensätze definiert werden. Motivation für Lernen wird hier weniger im inneren Antrieb persönlicher Neugierde gesucht, sondern in einer Konkurrenzhaltung des „Besser-sein-Wollens“ als  die anderen. Lebendigkeit wird als Bedrohung statt als Motor von Lernen und Leistung verstanden. Beurteilung ist wichtiger als der Lernprozess an sich. Daran orientiert sich unser Schulsystem und daran krankt das gesamte Bildungssystem – inklusive der PädagogInnen-Ausbildungen.

Ich könnte das mit vielen Studien und Erfahrungsberichten belegen. Da ich mich zu diesem Thema in Zukunft noch mehrmals melden werde, will ich das heute einmal einfach mit Beobachtungen von Alltagskommunikation über Schule tun.

  • „Welche Note hast du?“ wird viel häufiger gefragt als „Hast du heute etwas Interessantes gelernt?“
  • „Was kannst du besser als andere?“ wird als wichtiger erlebt als „Was kannst du jetzt besser als früher?“
  • „Wurde die Hausübung zum richtigen Zeitpunkt abgegeben?“ ist entscheidender als „Kannst du das, was du können solltest?“
  • „Hast du alle Antworten aufgeschrieben, die im Buch stehen?“ bringt mehr Punkte als „Hast du verstanden, worum es geht?“
    Vorgefertigtes zu wissen wird besser bewertet als Neues erforscht zu haben.
  • Von allem ein wenig zu lernen ist in vielen Gegenständen höheres Bildungsziel, als sich in eine Sache, die die SchülerInnen sehr interessiert, selbsttätig zu vertiefen; auch, wenn dabei anderes weggelassen werden müsste.
  • Spaß am Lernen wird als Gegensatz zu Leistungsstreben definiert.
  • „Hausübung bekommen“ ist selbstverständlicher als „sich zu Hause lustvoll in etwas vertiefen, was als Basis im Unterricht erlernt wurde“.
  • Über Disziplinierung wird mehr diskutiert als über Neugierde oder stressreduziertes Lernen.
  • In ein messbares Schema zu passen ist wichtiger, als kreative Leistungen zu erbringen.
  • LehrerInnen haben wenig Spielraum, ihren eigenen Stärken und Begabungen gemäß zu unterrichten und werden mehr unter der Perspektive ihrer Defizite als ihres Engagements betrachtet.
  • Ausführen zentral formulierter Verordnungen ist wichtiger als Diskussionsprozesse und autonome Entscheidungen vor Ort.

Ich denke, der große Wurf einer Bildungsdiskussion muss das grundlegende Verständnis von Lernen und Bildung beinhalten. Es muss beschrieben werden, was erlernt werden soll und welche Kompetenzen gefördert werden müssen. Es muss darum gehen, welche Unterrichtsformen und Schulformen Lernprozesse ermöglichen, die in die Tiefe gehen und nachhaltig wirken. Und es muss darum gehen, wie LehrerInnen, die diese Lernprozesse ermöglichen und begleiten sollen, ausgebildet und ihrerseits begleitet werden.
Ich weiß schon, das sind viele große Fragen. Aber wenn wir ehrlich sind, dann geben uns die Erfahrung, die Forschung und die Praxis in Schulversuchen und in anderen Ländern schon sehr viele wertvolle Antworten. Die müssten jetzt noch ernst genommen werden. Und umgesetzt. Dann kann das noch was werden mit der guten Bildung für alle.

Einen wertvollen Beitrag zur Bildungsdiskussion liefert auch der Film „alphabet“, am 6. Februar 2015 in Mattersburg von der Grünen Bildungswerkstatt gezeigt wird. Nähere Informationen gibt es hier:
https://www.facebook.com/events/728242090617098/?ref=2&ref_dashboard_filter=upcoming

Ein Gedanke zu „Lernen – Leistung – Lebendigkeit“

  1. Danke für den Text. Die Argumente sind einleuchtend und können zu Erkenntnissen (Wissen) führen.
    Ich zweifle an einer grundlegenden Reformfähigkeit der pädagogischen Administration und systemkonformen Politik.
    Diese neigen nicht zur einer grundlegenden Reflexion im Bildungsbereich.
    Auch sind wir alle ein Teil (und oftmals Opfer) des herrschenden Bildungssystems. Da ist es sehr schwierig aus den gewohnten Denk – Korsett und Kindheitsprägungen auszubrechen.
    Bildung müßte von mehr Menschen (als den üblichen Verdächtigen) neu gedacht werden. Ich werde daher nicht aufhören, soviele Menschen als möglich darauf hinzuweisen.
    Grüße
    Erich

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