Wenn das Straßennetz wichtiger ist als das soziale Netz

Die erste Station meines „Lehrjahres“ endet mit einer bitteren Bestätigung einer langjährigen Beobachtung: Der Sozialdemokratie im Burgenland ist das Straßennetz wichtiger als das soziale Netz. Während der für den
Straßenbau zustände (SP-) Landesrat stolz verkündet, dass wieder zig- Millionen für das Straßennetz ausgegeben werden, interessiert sich der für Soziales zuständige (SP-) Landesrat für die Sozialarbeit herzlich wenig und wenig herzlich. Das zeigt sich in vielerlei Hinsicht, in diesem Monat war ich persönlich vor allem mit zwei Aspekten konfrontiert: Die geringe Wertschätzung des Landes gegenüber sozialer Arbeit zeigt sich schon durch die magere Besetzung der Jugendämter und Sozialabteilungen. Persönliche Gespräche zeigen immer wieder dasselbe auf: Die Rahmenbedingungen sind katastrophal, die Bediensteten in den Bezirken klagen über zu wenige MitarbeiterInnen und die SozialarbeiterInnen betreuen ihre KlientInnen nicht so intensiv und qualitätsvoll, wie sie es aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Berufsauffassung eigentlich könnten.(Und schon während sie mir das erzählen, haben sie Angst, dass sie Schwierigkeiten bekommen könnten, weil sie so etwas „ausplaudern“. Hier wird deutlich, in welchem Unterdrückungssystem hier gearbeitet werden muss. Diese Art der – parteipolitischen – Machtausübung macht mich zunehmend wütend.)
Sozial nachhaltig arbeiten geht sich mit diesen Rahmenbedingungen einfach nicht aus! Das ärgert mich auch deshalb so sehr, weil es nicht nur für die betroffenen Familien schlimm ist, sondern weil eine daraus resultierende Fremdunterbringung der Kinder und Jugendlichen für die öffentliche Hand in der Folge wesentlich höhere Kosten verursacht.
Natürlich gibt es auch hier wie in jedem Berufsfeld mehr und weniger Engagierte, mehr und weniger Qualifizierte. Aber eines zieht sich durch – und das ist keine Frage der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel:
Die übergeordneten Stellen interessieren sich gar nicht für den Arbeitsalltag der Angestellten, mit seinen Sorgen und Belastungen. Wertschätzung fehlt also auch gegenüber jenen, die Sozialarbeit im Auftrag des Landes machen, deren größtes Kapital in der Arbeit vor Ort aber die Wertschätzung in der Beziehung zu ihren KlientInnen ist. Wie soll sich das auf die Dauer ausgehen? Wen wundert’s, dass Stellen unbesetzt bleiben, weil unter diesen Bedingungen keineR mehr auf einem Jugendamt im Burgenland arbeiten will?

Wegschauen ist im Sozialreferat auch die Devise, wenn es um Obdachlosigkeit geht. Ich habe in den vergangenen Wochen Einblick in die Arbeit des Vereins „Freiraum Pannonia“ bekommen, der seit einigen Jahren versucht, Obdachlosen wenigstens eine Notschlafstelle zu bieten.  Das freut auch die Behörden, die zwar regelmäßig Menschen zur Notschlafstelle schicken, das aber finanziell nicht abdecken. Die Obdachlosen schickt man einfach weiter und dann werden Amtstür und Augen verschlossen. Realitätsverweigerung wird zum politischen Handlungsinstrument. Wer offiziell nachfragt, bekommt die Antwort, dass eh alles in Ordnung sei. Aber nichts in Ordnung. So ein Verein, der nur aus Ehrenamtlichen mit großem Herz besteht, kann auf die Dauer keine Obdachlosenarbeit machen. Da muss hoch professionell gearbeitet werden. Da sind sozialarbeiterische Fähigkeiten und Kenntnisse erforderlich. Da braucht es ein klares Management und Rechtssicherheit gegenüber Behörden.  Hier müssen Fachkräfte arbeiten, die eine Ausbildung dafür haben, wie im Umgang mit KlientInnen persönliche Nähe und professionelle Distanz gleichzeitig gewahrt werden können.

Der Verein Freiraum Pannonia hat nicht nur an den Betroffenen, sondern für die Burgenländische Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen: Er hat aufgezeigt, dass es Obdachlose gibt und dass diese von Nah und Fern kommen. Gerade dadurch, dass er an seine Grenzen stößt,  macht er deutlich, dass es im Burgenland eine gut durchdachte, übergemeindlich organisierte und vom Land finanzierte Obdachlosen-Sozialarbeit geben muss. Damit ist so ein Verein auf die Dauer überfordert. Da muss es zu Unstimmigkeiten und Konflikten kommen. Da muss die Politik handeln, zum Beispiel durch Einsetzung einer Task-force „Obdachlosikgkeit“, die mit ExpertInnen, in der Sache Erfahrenen, kommunalpolitisch Zuständigen und Betroffenen besetzt ist. Jetzt. Damit es vor dem kommenden Winter eine Lösung gibt. Es ist nämlich verdammt kalt, wenn man dann kein Dach über und keinen Polster unter dem Kopf hat. Da nützt einem das beste Straßennetz nichts.

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