Noten in der Schule: In welcher Realität lebt die Bundesregierung?

In der Kleinen Zeitung vom 7. Oktober 2018 singt der Mathematiker und Nationalratsabgeordnete Univ.Prof. Dr. Rudolf Taschner ein Loblied auf das Schulpaket der Bundesregierung.  Es gehe, so Taschner, „von Realitäten aus“ und nicht von Idealvorstellungen. Als Bildungswissenschaftlerin suche ich nach den Realitäten, von denen Taschner da reden könnte. Sie sind außerhalb der Mauern von Bildungsinstitutionen kaum zu finden. Daher habe ich an die KLEINE ZEITUNG eine Replik in Form eines Leserinnenbriefs geschrieben:

Wenn ein Wissenschaftler politische Maßnahmen seiner Partei ohne jeglichen Bezug zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, ja in Leugnung derselben rechtfertigt, dann hat das schon etwas Skurriles an sich. Man könnte auch sagen: Er ist in der (in diesem Fall unsäglichen) Realität der Parteipolitik angekommen. Möglicherweise ist es diese Realität, von der Taschner ausgeht, wenn er ein Loblied auf Leistungsbewertung durch Noten singt.
Es ist eine Realität, in der alles, was nicht als Ziffer ausgedrückt werden kann, nicht als Leistung gilt.
Es ist eine Realität, in der sich die Faulheit breit gemacht hat, sich mit den wirklichen Leistungen und Leistungsfortschritten und dem daraus folgenden Förderbedarf von Kindern und Jugendlichen auseinanderzusetzen.
Es ist die Realität der Rankings, in der es nicht wichtig ist gut zu sein, sondern in der es nur darum geht, besser zu sein als die anderen – oder zumindest nicht schlechter. Über Leistung sagt das nur wenig aus.

Das Wording von der „Realität des Lebens“ begegnet mir bei Diskussionen mit ÖVP- und FPÖ-Abgeordneten regelmäßig. Und ich frage mich: In welcher Realität leben Univ.Prof. Dr. Taschner und seine KollegInnen in der ÖVP und der FPÖ? Wo außerhalb des Bildungssystems wird die Leistung eines Menschen mittels Notenskala bewertet? Wer sich für eine Stelle bewirbt, bekommt eine Ab- oder eine Zusage, niemals eine Note als Rückmeldung. Wer ein Dienstzeugnis ausgestellt bekommt, erhält dies in verbaler Beschreibung. In vielen Berufen erhält man durch Erfolg oder Misserfolg eine Rückmeldung. Für andere ist eine Bewertung der eigenen Leistung durch sprachliche Rückmeldungen von KundInnen, GeschäftspartnerInnen oder PatientInnen Realität. Die Realität unserer Gesellschaft, unseres Lebens ist wesentlich weiter als die Mauern der Bildungsinstitutionen.

Wo Wissenschaft endet, fängt Ideologie an. Das demonstriert uns die schwarz-blaue Bundesregierung laufend. Dass sich ein Abgeordneter, der selbst Wissenschaftler ist, dieser Art Politik zu machen anschließt, finde ich als Bildungswissenschaftlerin und Politikerin befremdlich und alarmierend.

Ein Gedanke zu „Noten in der Schule: In welcher Realität lebt die Bundesregierung?“

  1. Sehr geehrte Frau Petrik!

    Ich stieß soeben auf Ihre Webseite und in der Folge auf diesen Artikel. In meiner Jugend (ich bin 1960 geboren) hätte es mein Selbstwertgefühl beflügelt und mir folglich vielleicht sogar das Finden meines höchst persönlichen Ausbildungswegs verkürzt bzw. zumindest meine Entscheidungswege vereinfacht, hätte es schon damals so treffende Worte einer Bildungspolitikerin oder eines Bildungspolitikers gegeben, wie die Ihren. Letztendlich wurde ich nach einigen Umwegen nicht Berufsmusiker, sondern Geschäftsführer eines Großhandelsunternehmens. Was ich besonders unterstreichen möchte: meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe ich in mehr als zwanzig jähriger Führungsverantwortung noch NIE aufgrund von Zeugnisnoten ausgewählt, sondern aufgrund besonderer Fähigkeiten und/ oder Persönlichkeiten, um deren Entwicklung ich mich oftmals auch persönlich bemüht habe. Wichtig ist mir in erster Linie immer der Mensch und in zweiter Linie, ob er bereit ist, seine Potentiale einzubringen und weiter zu entwickeln. Ich wünsche Ihnen für Ihre politische Arbeit ein Höchstmaß an Zustimmung und auch sonst alles Gute!

    Mit herzlichen Grüßen,

    Othmar Schenk

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