Gedanken zu christlich-sozialer Politik

Unlängst wurde ich angefragt, zum Thema, was die GRÜNEN unter christlich-sozialer Politik verstünden, einen Workshop zu leiten. Ich antwortete, dass es den GRÜNEN als Partei nicht zustehe zu definieren, was christlich-soziale Politik ausmacht. Ich kann aber als Christin, die Politikerin ist, für mich persönlich herausarbeiten, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Es hat, aber dazu ein andermal.

Heute interessiert mich, wie Politiker*innen jener Partei, die sich christlich-sozial nennt, diesen Grundsatz verstehen. Leider finde ich seit mehreren Jahren darüber kaum Reflexion bei ÖVP-Politiker*innen, Ansätze erkenne ich bei dem MEP Lukas Mandl, aber auch von ihm kommen eher Einladungen zu gemeinsamen Gebetszeiten als Erläuterungen über das Christlich-Soziale in seinem politischen Handeln. Mag sein, dass ich etwas übersehen habe, aber Diskussionen darüber sind in der Öffentlichkeit seit dem Abgang von Erhard Busek jedenfalls kaum wahrnehmbar. Fündig wurde ich bei einer ehemaligen ÖVP-Politikerin und öffentlich tätigen Katholikin, die 1995 in „Die öffentlich-politische Verantwortung der
Christen“ (erschienen in actio catholica, Heft 2/1995) einen Beitrag verfasste mit dem Titel

„10 Gebote“ politischen Handelns,
die da lauten:

1. Solidarität
2. Personalität
3. Gerechtigkeit
4. Ökologische Bedachtsamkeit
5. Richtiger Umgang mit Macht und Friedensgesinnung
6. Toleranz
7. Beachtung von Subsidiarität
8. Wahrhaftigkeit
9. Demut
10. Spiritualität

Der Autorin, einer selbst zutiefst christlichen Politikerin der damaligen ÖVP, geht es also in der Frage des Christlichen in der Politik um Grundwerte und Haltungen, die handlungsleitend für Politiker*innen sein sollten. Findet man in der heutigen ÖVP noch Ansätze davon?
Diese Politikerin würde heute nicht mehr die Partei ihrer früheren politischen Heimat wählen. Sie fände nichts mehr von dem, was ihr wichtig war, als sie aus ihrer christlichen Überzeugung heraus mit der ÖVP Politik machte. Ich bin mir da ganz sicher, weil ich sie sehr gut kannte und viele Gespräche mit ihr darüber führen durfte, als sie noch lebte. Sie war meine Mutter.

(Der ganze Artikel erschien in: Eva Petrik: Mit der Kraft der Sehnsucht. Leben und Vermächtnis. erschienen im Styria-Verlag, 2008)

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