Im Pflegeheim – die Bewohner*innen als Spiegel des Teams

3. Juni, 6:30 Uhr. Dienstantritt im Altenwohn- und Pflegeheim in Steinbrunn. Es ist ruhig im Haus, die Leiterin begrüßt mich freundlich und zeigt mir, wo ich meine Sachen untertags ablegen kann. „Finde dich erst einmal ein, dann trinken wir miteinander Kaffee.“ Das ist keine Sonderbehandlung für eine „Promi-Praktikantin“, zur morgendlichen Besprechung bei der Dienst- übergabe wird gemeinsam Kaffee getrunken. Über jede*n einzelne Bewohner*in wird gesprochen: Hat sie ruhig geschlafen? Gab es Auffälligkeiten in der Nacht? Was muss die Pflegekraft für den Tagdienst wissen? Was mir auffällt: Eine Bewohnerin, die mehrmals aufgewacht ist, wird nicht als „mühsam“ oder „anstrengend“ beschrieben. Vielmehr wird
erzählt: „Frau X hat es heute nicht leicht gehabt in der Nacht.“ Immer wird die Situation der Bewohnerin aus deren Perspektive betrachtet. Sie wird nicht als „Fall“, sondern als Mensch gesehen, der selbst am meisten leidet, wenn er auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Erfahrung 1: Die Pflegenden lassen hier die ihnen anvertrauten Menschen auch in belastenden Situationen volle Wertschätzung spüren.

Frühstückszeit. Es gibt keinen Frühstückszeitpunkt, an dem alle gleichzeitig versorgt werden. Jede kann kommen, wann sie will. Jede*r Bewohner*in hat den eigenen Rhythmus. Die einen frühstücken lieber abgesondert, die anderen in Gesellschaft. Und alles ist gut. Niemandem wird eingeredet, was für sie oder ihn besser wäre. Das ist sicher der Vorteil eines kleinen Hauses wie diesem, das 16 pflegebedürftigen Menschen ein Zuhause bietet. Jeder Mensch wird als Individuum gesehen und nie nur als Teil eines Kollektivs.

Erfahrung 2: Es ist auch in einem Pflegeheim möglich, jeder Bewohnerin ihren individuellen Tagesrhythmus zuzugestehen.

Waschen. Die Haltung des Teams, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist, der absolute Respekt vor dem individuellen Lebens- und Entwicklungsweg ist den ganzen Tag über bei jeder betreuerischen und pflegerischen Handlung präsent. Ich darf dabei sein, wie ein
Patient, der sich seit langer Zeit im Wachkoma befindet, gewaschen wird, frisches Bettzeug überzogen und das Gewand gewechselt wird. Die Betreuerin macht das so liebevoll, mit Worten voll Zuwendung und Gesten der Herzlichkeit. Es berührt mich sehr, wie über das Gesicht des Bewohners ein Lächeln huscht.

Erfahrung 3: Ob sich ein Mensch ganz und liebevoll wahrgenommen fühlt, hängt nicht davon ab, ob er in den eigenen vier Wänden oder in
einem Pflegeheim lebt, sondern davon, wie ihm in jeder einzelnen
Handlung begegnet wird.

Beim Essen. Die Bewohner*innen sitzen um den Tisch zum Abendessen. Herr K. sitzt abseits, er ist demenzkrank und raunt schon einige Zeit lang vor sich hin. Er spricht in halben Sätzen, als würde er immer mit jemandem sprechen, es fallen auch Schimpfworte. „Ja, so ist er halt“, kommentieren andere und ich bin erstaunt, mit wieviel Gelassenheit die Mitbewohner*innen die Dauertiraden von Herrn K. annehmen. Frau F. ist demenzkrank und hat überhaupt keine Lust das zu essen, was ihr angeboten wird. Eine halbe Stunde versuche ich und einige Mitbewohnerinnen herauszufinden, was sie denn nun auf ihr Brot haben möchte, oder ob es überhaupt etwas anderes ist, das sie gerne will. Dabei erzählen mir zwei Frauen, dass Frau F. oft etwas anderes verlangt und das dann auch nicht isst. Erst als alle anderen schon auf ihre Zimmer gegangen sind und ich mehrere Versuche gestartet habe, das Richtige auf den Teller zu bringen, isst Frau F. etwas und nimmt dann noch ganz eigenständig ihr Medikament.
Beim Wegräumen und Saubermachen wird mir bewusst, wieviel
Geduld die Bewohner*innen füreinander aufbringen. Sowohl Herr K. und seine Schimpftiraden als auch Frau F. mit ihren zum Teil aggressiv geäußerten Forderungen, die niemand verstand, hätten den anderen auf die Nerven gehen können und heftige Unmutsäußerungen auslösen können. So hatte ich das jedenfalls schon erlebt. Aber hier scheint die Haltung des Respekts vor jedem Menschen und dessen Eigenheiten und Individualität, die die Heimleitung und das ganze Team leben, auf das Zusammenleben der Bewohner*innen auszustrahlen.

Erfahrung 4: Die Bewohner*innen spiegeln im Zusammenleben das, was sie selbst als Betreute erfahren.

Um 18.30 Uhr endet mein erster Dienst. Ich bin müde und um einige Erfahrungen reicher.

Was ich von meinem ersten Praxistag in die Politik mitnehme:

  1. Pflegeheime müssen die Möglichkeit haben, der guten
    Zusammenarbeit im Team einen hohen Stellenwert zu geben. Es braucht Zeit für Austausch und gegenseitige Unterstützung.
  2. Wenn es dem Team in einem Pflegeheim gut geht, dann hat das eine positive Wirkung auf das Wohlbefinden der Bewohner*innen und deren Umgang miteinander.
  3. Wer Zeit für Pausen hat, kann sich im Dienst ganz auf die zu pflegenden Menschen einlassen.

* Da die Mehrheit der Bewohner*innen weiblich sind, verwende ich hin und wieder zur besseren Lesbarkeit nur die weibliche Form.

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